Carmen de Apicalá

Anfang April wurde ich vom Ex-Ehemann meiner mittlerweile Ex-Gastmutter abgeholt und verbrachte eine Nacht auf dessen Finca. Alberto ist Rinderzüchter und hatte mich bereits im letzten Jahr zu sich und seiner neuen Frau aufs Land eingeladen und jetzt sollte es endlich soweit sein. Ich kannte Alberto bisher nur flüchtig, hatte ihn das letzte Mal auf der Hochzeit seines Sohnes (gemeinsamer Sohn mit meiner Ex-Gastmutter) Anfang November 2008 gesehen. Er hatte mir damals geholfen und mir für die Hochzeit weiße Kleidung gesponsort, denn der Wunsch der Braut war es, dass alle männlichen Hochzeitsgäste (inklusive Bräutigam) in Weiß erscheinen. Außerdem schenkte er mir bereits im Oktober einen 'Sombrero', um in der hiesigen 'Tierra caliente' (heißes Tiefland) stets einen kühlen Kopf zu bewahren.

Wie verabredet, jedoch nicht wirklich typisch für Kolumbianer, stehen Alberto und María Lucía (Ehefrau) am Samstag vormittag pünktlich um 10 Uhr mit ihrem Geländewagen vor meiner Haustür. Wir holen die beiden deutschen Mädels Lea und Melina ab und verlassen Girardot in Richtung Osten. Die Fahrt wird nur 20 Minuten dauern. Wir überqueren den Fluss Sumapaz, der die natürliche Verwaltungsgrenze zwischen den Departamentos Cundinamarca (Girardot) und Tolima darstellt. Wir fahren die asphaltierte Straße entlang in Richtung Carmen de Apicalá, bekommen den Ort aber nicht zu Gesicht, weil wir plötzlich links abbiegen, um den Eingang zu Albertos Finca zu passieren. Der unbefestigte Weg führt durch Weiden, auf denen zum Teil gewaltige Baumriesen stehen, welche den Rindern in der Mittagshitze Schatten spenden.


Das Gelände ist leicht hügelig. Wir passieren die Melkstation und erreichen das auf einem Hügel erbaute Landhaus. Ich bin hin und weg von den Rasenflächen. Die Grünanlagen sehen sehr gepflegt aus. Hier muss es einen Rasenmäher geben, denke ich mir. Wir steigen aus dem Auto und betreten die überdachte Terrasse. Drei große weiße Hängematten lachen uns an. Wir schreiten einige Stufen hinab auf eine erweiterte unbedachte Terrassenfläche und blicken auf einen See, dessen Ufer nur etwa 50 Meter von der Terrasse entfernt liegt. Die umgebende Landschaft besteht aus weiten Weideflächen, die am Horizont von einer Gebirgskette begrenzt werden. Wir genießen die Ruhe. Unterhalb der Terrasse grast eine Ziege und wir werden durch Rascheln auf einen Leguan aufmerksam.


Während María Lucía und zwei Hausangestellte mit der Zubereitung des Mittagessens beginnen, zeigt uns Alberto unsere Nachtquartiere. Auf eigene Faust spazieren wir durchs Haus und sind begeistert von der Einrichtung. Die Leidenschaft zu Rind und Pferd bzw. zur Natur ist unübersehbar. Wir schmeißen uns in die Hängematten und schlürfen 'Salpicón', einen leckeren Früchtemix. Alberto und María Lucía machen uns auf die vielen verschiedenen Kolibri-Arten aufmerksam, die mit ihren leicht gebogenen Schnäbeln aus einem am Schlafzimmerfenster angebrachten Behälter mit rotgefärbtem Zuckerwasser trinken. Unsere Gastgeber zeigen uns ihre umfangreiche Vogelnest-Kollektion. Die Vogel- und Insektenfauna wird rund ums Haus mit kleinen Leckereien verwöhnt.


Wir werden zum Essen ins Haus gerufen. An einem großen Esstisch, an dessen einem Ende die Gastgeber sitzen und am anderen Ende die drei deutschen Gäste, wird ordentlich aufgetischt. Von den beiden freundlichen Hausangestellten werden mehrere Gänge serviert und wir dürfen uns selbst auffüllen. In gemütlicher Runde philosophieren wir fleißig über Sitten und Gebräuche in Kolumbien und Deutschland. Anschließend steht erst einmal Entspannen auf dem Programm. Ich stürze mich in die nassen Fluten des großen Schwimmbeckens und freue mich über die unerwartet tiefe Wassertiefe. Nachdem ich mich zum Trocknen auf einen Liegestuhl schmeiße und von fiesen winzigen Moskitos zerstochen werde, schmiere ich mich mit Moskitospray, meinem treuen Begleiter, ein.

Alberto hatte uns am Vormittag vorgeschlagen eine kleine Bootstour auf dem See zu unternehmen und trotz der bereits gesichteten 'Babillas' (Kaimane/ kleine Krokodile) wollen wir seinen Vorschlag nun auch in die Tat umsetzen. Er reicht mir ein Paddel und auf gehts - an Mangobäumen vorbei - hinab zum See. Wir lassen das Boot zu Wasser, deponieren jedoch vorerst unsere Kameras am Ufer, da wir nicht zu 100 Prozent überzeugt sind, dass uns das Boot trocken über den See trägt. Zu dritt im Boot sitzend und bereits in Uferferne äußert Melina mehrmals lautstark ihre Skepsis, welche sich letztendlich allerdings als unbegründet erweisen wird. Langsam schreiten wir über den See, beobachten die auf den Weideflächen grasenden Pferde und Rinder, schwarze und weiße Vögel sowie einen Jungvogel, der anscheinend gerade aus dem Nest gefallen war und sich am Astwerk entlanghangelt. Ich bilde mir ein eine Schlange gesehen zu haben, welche ihren Kopf aus dem Wasser streckte und paddele ruhig weiter. Die Kaimane schwimmen scheu ans Ufer, möchten leider nicht für unsere mittlerweile an Bord geholten Kameras posieren und tauchen ab. Wir genießen weiterhin die Ruhe.

Nun soll es im Jeep ins Gelände gehen. Barfuss steige ich ein. Alberto fährt über die Weiden und informiert uns über seine Rinderrassen. 800 Rinder, 500 Schafe und 25 Pferde nennt er sein Eigen. Wir staunen über eine großohrige, aus Indien stammende Rinderrasse, die im Vergleich zu europäischen Rinderrassen weniger zartes Fleisch liefert. Regelmäßig steigen Alberto oder Melina aus dem Jeep, um die die einzelnen Weideflächen trennenden Zauntore zu öffnen bzw. zu schließen. Alberto meint, dass er in Hinblick auf den Artenschutz die hügeligen waldbestandenen Flächen nicht rodet und in Absprache mit weiteren Landeigentümern, die ähnlich handeln, ein Verbund von Rückzugs- bzw. Erhaltungsflächen für die einheimische Tier- und Pflanzenwelt geschaffen wird. Wir steigen alle aus dem Jeep aus und Alberto verdeutlicht uns die Weite seines Landes. Über uns fliegen Papageien. Der Blick in die Weite ist gigantisch und ich fühle mich frei. Alberto zeigt und erklärt uns, dass auf verschiedenen Hügeln am Rande seines Landes vier seiner Arbeiter mit ihren Familien wohnen, die mithilfe von Funktechnik miteinander kommunizieren und darauf aufpassen, dass niemand unbefugt das Land betritt sowie Acht geben, dass im Sommer schnell auf natürlich auftretende Buschbrände reagiert wird. Zu meiner Freude weiß Alberto viel über die einheimische Pflanzenwelt zu berichten.

Zurück im Landhaus versammeln wir uns zum Abendbrot auf der unüberdachten Terrasse. María Lucía hatte extra für uns deutsche Bockwürste eingekauft, welche sie auf dem Grill grillte - super lecker. Außerdem liegen ein riesiges Steak, eine Kartoffel, selbstgemachte Nudeln und Salat auf den Tellern vor mir. Das Essen ist einfach ein Genuss und heute esse ich nicht nur, um zu überleben. Zur Verdauung gibt es ein kleines Glas Orangenlikör. Auf dem Land schmeisst man sich vergleichsweise früh in die Federn und so verabschieden sich Alberto und María Lucía gegen 21 Uhr mit folgendem typischen Satz: "Esta es su casa!" (Dies ist Euer Haus!). Alles bleibt weiterhin hell erleuchtet. Der Tisch wird nur vom Geschirr befreit, die Dekoration bleibt liegen. Die Hausangestellten scheinen auch nicht mehr da zu sein. Nachdem ich einige Bahnen im Schwimmbecken ziehe, philosophiere ich gemeinsam mit Lea und Melina am Schwimmbecken bzw. in den Hängematten über unsere Kolumbienaufenthalte sowie die Zukunft. Ein entspannter, interessanter und erlebnisreicher Tag neigt sich dem Ende zu und kurz nach Mitternacht gehe ich ab in die Heia. Ich entscheide mich bei offenem Fenster ohne Klimaanlage sowie ohne Ventilator zu schlafen und höre miteinander kommunizierende Rinder. Irgendwann schlafe ich dann doch ein.


Pünktlich um 9 Uhr Sonntag früh erwartet uns ein reichhaltiges Frühstück. Wir sitzen wieder am Esstisch im Inneren des Hauses, unsere Mägen füllen sich mit Rührei (plus Tomaten und Zwiebeln), kleinen Bockwürsten, Brot, Saft und Milchkaffee. Während Lea die Zeit bis zur Abreise dazu nutzt, fleißig Fotos von Haus und Garten zu schiessen, spielen Melina und ich das 'Juego de la rana' (Frosch-Spiel), einem Holztisch, auf dessen Oberfläche verschiedene Löcher eingearbeitet bzw. zwei Metallfrösche befestigt sind. Es gilt Metallringe in die Löcher bzw. die Mäuler der Metallfrösche zu werfen. Je nach Lage eines Loches bzw. Schwierigkeitsgrad werden verschiedene Punkte erzielt. Leider haben wir nicht viel Zeit zum spielen und brechen gegen 10:30 Uhr zur Abreise auf. Wir bekommen noch kurz eine Python zu Gesicht und machen uns auf in Richtung Girardot. Wir beschließen Alberto und María Lucía nochmal zu besuchen.



>04/05 Abril 2009<

San Agustín

Mitte März ging es nach San Agustín, einem beschaulichen Ort im Süden des Departamentos Huila. Mit seinen umliegenden archäologischen Ausgrabungsstätten, welche zu den außergewöhnlichsten Zeremonialzentren Lateinamerikas zählen, handelt es sich bei dieser auf 1700 Meter gelegenen kleinen Gemeinde um eines der meist besuchten Reiseziele Kolumbiens.
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Wir verlassen den Busbahnhof in Girardot am Donnerstagabend gegen 21 Uhr in Richtung Espinal, um dort in einen Bus Richtung Neiva, Hauptstadt Huilas, umzusteigen. In Espinal kaum aus dem Bus gestiegen, werden wir auch schon von einem Typen angesprochen, der uns anbietet, vorbeifahrende Busse an den Straßenrand zu winken. Damit verdiene er sein Geld, meint er im Laufe der etwa halbstündigen Wartezeit. In Espinal herrscht auch desnachts munteres Treiben. So sitzen wir am Straßenrand nahe einer Tankstelle und verlassen uns auf die Erfahrung unseres Freundes im geeigneten Bus an den Straßenrand winken. Ein Typ des in Kolumbien fast an jeder Straßenecke anzutreffenden uniformierten privaten Sicherheitspersonals, Nachtwächter der benannten Tankstelle, plaudert munter auf uns ein, interessiert sich für unsere Reiseabsichten und klärt uns über die lokale Sicherheitslage auf. Er meint, dass man gut auf sein Hab und Gut aufpassen sollte, unser Wink-Freund beispielsweise hätte angeblich eine zeitlang wegen Diebstahl im Knast gesessen. So ganz geheuer war uns unser Freund von Anfang an wirklich nicht. Misstrauen begleitet leider einige von uns, weil wir gelesen hatten, dass auf der Strecke Bogotá-San Agustín einige Busfahrer mit Dieben zusammenarbeiten. Der Nachtwächter erzählt uns von einer Auseinandersetzung mit der kolumbianischen Guerilla, die er vor 10 Jahren als Polizist in der Nähe von Espinal hatte. Gemeinsam mit 10 Kollegen wurde er von Guerilleros entführt und nach einer Nacht wieder freigelassen. Seine Kollegen seien in den folgenden Tagen ebenfalls freigelassen worden. Allerdings seien im Vorfeld bei einem Schusswechsel zwei seiner Kollegen ums Leben gekommen. Das ganze habe international viel Aufsehen erregt, er selbst war angeblich im Fernsehen zu sehen. Ich werde den Eindruck nicht los, dass er auf diese Erfahrung stolz ist. Weiterhin meint er, dass er eine Frau kennt, dessen zwei Söhne Guerilleros sind, der dritte sei Polizist. Dann kommt gegen 22 Uhr endlich ein Bus, der auch hält (viele Direktbusse halten nicht in Espinal). Ich drücke unserem Wink-Freund 1000 Pesos in die Hand und setze mich im Gang auf meinen Rucksack, weil keine Sitzplätze mehr frei sind. Der Assistent des Busfahrers will uns für die Fahrt nach Neiva 15000 Pesos abknöpfen, ich meine aber, dass 12000 angemessen sind, wir hatten uns vorher erkundigt. Mit uns kann er also nicht das große Geld machen. Ich erinnere mich zu spät an die mittlerweile unansehnlich gewordenen Bananen in meinem Rucksack und setze mich auf einen nach kurzer Zeit frei gewordenen Sitzplatz.

Gegen 1 Uhr kommen wir auf dem Busbahnhof in Neiva an. Wir setzen uns kurz auf eine Bank und schauen dem reisenden Rentner auf der Hinterbank beim Schlafen zu. In Kolumbien wickelt sich reisetechnisch viel in der Nacht ab, viele Menschen sind auf den Beinen, warten auf Busse zur Weiterfahrt. Jemand spricht uns an und meint, dass so gut wie sofort ein Bus Richtung Pitalito fährt. Wir schenken ihm Glauben, kaufen die Fahrkarten zu je 12000 Pesos, und warten letztendlich doch bis etwa 2 Uhr auf die Weiterfahrt. Dafür werden wir aber mit einem super bequemen Reisebus entschädigt, in dem ich richtig wegnicke, bis mich die Frau auf dem Nachbarsitz anstößt, um mir die Ankunft in Pitalito mitzuteilen. Etwas benommen steige ich aus dem Bus. Kaum einen Fuß auf pitalitoischen Boden gesetzt, spricht uns ein Taxifahrer auf unsere Reiseroute an. Für 5000 Pesos pro Person würde er uns nach San Agustín fahren. Wir willigen ein. Ein bisschen mulmig wird mir, als ich auf dem Beifahrersitz bereits einen Typen sitzen sehe. Ich setze mich neben ihn, meine drei Reisebegleiter versuchen es sich auf dem Rücksitz bequem zu machen. Die Fahrt wird eine dreiviertel Stunde dauern. Der langhaarige Typ an meiner Seite ist sehr gesprächig, kommt gerade aus Ibagué von einem Imker-Seminar. Der Naturliebhaber namens Robinson fragt mich nach meinem Aufenthalt in Kolumbien, sei selber sozial engagiert und erzählt mir von weißen kolumbianischen Eichen. Nachdem wir auf der Nachbarspur Pferde sichten, überholen wir ein mit drei Männern besetztes Motorrad. Gegen 6 Uhr kommen wir in San Agustín an. Robinson bietet sich uns für das Wochenende als Reiseführer an, empfiehlt uns im Lokal 'Rebeca' zu frühstücken und schmiert mir ohne Ankündigung eine anfangs brennende Creme auf meine Wunde an der Hand, die ich mir ein paar Tage zuvor zugezogen hatte. Wir verabschieden uns von Robinson und betreten die Herberge 'El Jardín Casa Colonial', in der uns eine freundliche Señorita fast alle Zimmer zeigt und anbietet, da die Herberge so gut wie nicht belegt ist. Letztendlich entscheiden wir uns für ein großes Zimmer in der ersten Etage, zwar ohne Privatbad, aber mit Blick auf die Innenstadt, besser gesagt Dorfmitte. Man informiert uns über die Bereitstellung von warmem Wasser ab morgens 6:30 Uhr. Wir tanken eine Mütze Schlaf.


Bereit zur Entdeckung der archäologischen Schätze der Kultur San Agustín verhandeln wir mit der etwas in die Jahre gekommenen einheimischen Touristenführerin namens Olga über die Preise für die Ausflüge in die nähere Umgebung. Die Routen für das Wochenende werden bestimmt. Am Freitag steht ein Ausritt auf dem Programm. Währenddessen sich Olga auf den Weg macht, die Pferde zu besorgen, verkosten wir Rebecas Säfte und hauen uns für 5000 Pesos mit Suppe, Huhn, Reis und Bohnen die Mägen voll. Gestärkt machen wir uns auf zum vereinbarten Treffpunkt mit den Pferden. Den wildesten Gaul unter meinem Hintern führt uns unser Guide zu allererst zu der archäologischen Stätte 'El Tablón', in der wir zum ersten Mal präkolumbianischen Hinterlassenschaften der Kultur San Agustín Auge in Auge gegenüberstehen. Die fünf Steinskulpturen nahe eines kleinen ethnographischen Museums sind schnell erklärt und wir schwingen uns wieder in die Sättel.


Die Pferde tragen uns zur Fundstätte 'La Chaquíra'. Die grüne Landschaft ist beeindruckend, man blickt hinab in den Canyon des Magdalena-Flusses. Nebelschwaden durchziehen die Lüfte, man sieht auf der anderen Seite des Canyons Wasserfälle, die sich aus dem Bergmassiv ergießen. Unser Guide klärt uns über die in das Vulkangestein geschlagenen Motive, u.a. die sogenannte 'Göttin der Chaquíra' sowie einen scheinbar faulenzenden Bären, auf. Diese beiden anthropomorphen bzw. zoomorphen Figuren zeigen in Richtung Osten. Man vermutet, dass sich die Figuren bewusst an bestimmte Himmelsrichtungen orientieren.


Weiter gehts hoch zu Ross zu den Fundorten 'La Pelota' und 'El Purutal'. Die Figuren der letztgenannten Fundstelle sind die einzig kolorierten in Rot, Schwarz, Gelb und Weiß. Umgeben sind die Figuren von bearbeiteten Grabplatten. Wir treten den Rückritt an, auf dem ich beinahe von meinem Gaul abgeworfen werde. Wir reiten an Zuckerrohr-Feldern sowie Lulo- und Bohnen-Feldern vorbei.


Am Samstag werden wir gegen 8 Uhr zu einer Jeep-Tour abgeholt. Heute stehen die abgelegeneren Fundstätten auf dem Programm. Uns begleitet eine Spanierin, die mit Kunsthandwerk handelt. Ich stelle fest, dass mein Akzent ihrem ähnelt. Unser Fahrer heisst Marino, hat allerdings keine Lizenz zum Reiseführer, wie er meint. Entweder Fahrer oder Reiseführer. Verstehen muss man das nicht, aber so sind die Regeln, erklärt er uns. Wir fahren zur Magdalenaenge 'El Estrecho', der Stelle, an der der Fluss mit etwa 2 Metern am schmalsten ist. Der Río Magdalena entspringt in der Zentralkordillere nahe San Agustíns. Wir nehmen kein Bad.


Wir halten im Ort Obando, wo wir uns einige Grabstätten sowie ein kleines archäologisches Museum ansehen, in welchem Kunsthandwerk angeboten wird. Außerdem findet man hier diejenigen Fundstücke wie Keramiken, die nicht von Grabräubern gestohlen oder in die Hauptstadt gebracht wurden. Ein alter Mann spricht mich am Eingang des Geländes an und meint, dass er der Gründer des Ortes sei. Er begleitet mich auf Schritt und Tritt und bittet mich mehrmals um einige Pesos für eine angebliche Augenoperation. Mir wird gesagt, dass er verrückt sei. Ich gebe ihm kein Geld.


Wir fahren die unbefestigte Straße weiter und stoßen auf drei Campesinos (Bauern), die damit beschäftigt sind, einen Abschnitt der Straße von herabgestürztem Steinmaterial freizuräumen. Wir packen mit an, denn selbst für unseren anpassungsfähigen Geländewagen scheint das ein schwer zu überwindendes Hindernis. Gröbere Felssteine werden aus dem Weg geräumt und ich denke, dass die Campesinos sicher noch eine ganze Weile brauchen werden, um das austretende Hangwasser umzuleiten. Zuckerrohr und Kaffee dominieren in dieser Region als Anbaukulturen. Die hiesigen Bauern leben hauptsächlich von der Bearbeitung des Zuckerrohrs zu 'Panela' (dunkler Zucker in Blockform), einem Grundnahrungsmittel der Kolumbianer.


Die nächste Attraktion ist der 'Alto de los Ídolos', eines der wichtigsten Besucherziele. Wir zahlen 25000 Pesos für den Eintritt, der Preis schliesst den Eintritt für den am folgenden Tag beabsichtigten Besuch des Hauptparks ein. Wir betreten ein großflächiges Areal mit gepflegtem Grün. Ich freue mich über die satte Rasenfläche. In Girardot sieht man sowas kaum. Der Gärtner begleitet uns und erzählt uns einiges zu den Fundstücken. Die einzelnen Statuen und Gräber sind - wie auch schon an den anderen Fundstellen - jeweils überdacht und eingezäunt. Meine Anfrage mit dem Gärtner Golf zu spielen, wird leider verneint.


Nachdem wir in dem Ort San José de Isnos Suppe und gegrilltes Hühnchen mit Reis essen, besichtigen wir weitere Steinskulpturen und Gräber auf dem 'Alto de las Piedras'.


Jetzt machen wir uns auf den Weg zu zwei Wasserfällen. Wir decken uns kurz mit schokoladischem Proviant ein und erreichen den Salto de Bordones, einen Wasserfall mit 400 Metern Tiefe, ein imposantes Spektakel. Wir fahren zum Salto de Mortiño, staunen auch hier über die herabstürzenden Wassermassen und blechen anschließend 1000 Pesos, weil der Blick auf den Wasserfall von einem Privatgrundstück aus erfolgt.


Auf größtenteils asphaltierter Straße geht es nach einer erlebnisreichen Tour zurück nach San Agustín. Auch an diesem Abend essen wir wieder kein 'Cuy' (gegrilltes Meerschweinchen), sondern ziehen die nordische Spezialität namens Hamburger vor. Wir stürzen uns ins San Agustinische Nachtleben und verweilen eine Weile im 'La Casa de Tarzan'. Eine rustikale Einrichtung mit Hängematten und gedämpfter gemütlicher Atmosphäre umgibt uns. Bei lateinamerikanischen Klängen trinke ich Coca-Tee.

Nach einem ordentlichen Frühstück aus Rührei, Milchkaffee und Gebäck geht es am Sonntag zum archäologischen Hauptpark. Wir begeben uns auf einen zwei Kilometer langen Fußmarsch bergaufwärts. Das Museum gibt allgemeine Informationen zu der Bearbeitung der Steinskulpturen und beherbergt eine Reihe von Figuren.


Im Nieselregen schauen wir uns am Parkeingang einige Kunstfertigkeiten an, beschließen aber die lokale Wirtschaft erst nach dem Besuch des Parks anzukurbeln. Der Parque Arqueológico ist in verschiedene Abschnitte unterteilt. Wir spazieren den Rundgang entlang und schießen fleißig Fotos der zusammengetragenen archäologischen Funde. Bei der 'Fuente de Lavapatas' handelt es sich um einen im Jahre 1937 entdeckten Zeremonienplatz. In das felsige Flussbett sind Darstellungen von Menschen, Reptilien und Amphibien geschlagen worden. Wir machen Rast in einem kleinen Lokal in familiärer Atmosphäre und bestellen Huhn - was auch sonst. Wir nutzen die Zeit der Essenszubereitung und besichtigen den 'Alto de Lavapatas'.


Der weite Blick in die Landschaft ist mal wieder ein Genuss. Nachdem wir unsere Mägen gefüllt haben, verlassen wir den Park und kaufen ein paar Souvenirs am Parkeingang. Es bleibt nicht viel Zeit, denn wir sind mit einem Mann verabredet, dessen Beruf darin besteht, seine fünf Pferde zu verleihen. Zu sechst schwingen wir uns auf eine sogenannte 'Zorra' weiter bergaufwärts. Zahlreiche Schlaglöcher auf dem befestigten Weg machen dieses Transport-Erlebnis zu einem kleinen Abenteuer.
Wir haben Mitleid mit dem Pferd namens Princesa, setzen unsere Tour aber kräftig fort. Eine am Straßenrand laufende Frau wird später auch Mitleid mit der Princesa haben. Wir fahren an einzelnen Höfen vorbei und verweilen etwa eine Stunde an einem Billiardtisch. Gemeinsam mit unserem kolumbianischen Begleiter spielen wir eine Runde nach kolumbianischen, zwei Runden nach nicht-kolumbianischen Regeln. Die Möglichkeit zum 'Tejo' spielen (eine Art Boule) bietet sich auf dieser Strecke leider nicht.


Den letzten Abend nutzen wir zum Schlendern in San Agustíns Souvenirsmeile. Es ist ein kleiner gemütlicher Ort mit sehr freundlichen Einwohnern. Zu Abend essen wir in einem Lokal, das uns den Eindruck vermittelt, dass wir uns mitten in der Wohnstube der Familie befinden. Am Montagmorgen treten wir mit jeder Menge interessanter Eindrücke die Heimfahrt an.

>19/23 Marzo 2009<