Pfingst-Radtour - Von Wittenberge nach Werben

Aus Erfahrung weiß ich, dass ich etwa 45 Minuten für die Fahrt von Seehausen nach Wittenberge brauche, und schwinge mich nach dem Gießen meiner durstigen Tomatenpflänzchen am Samstag gegen 8.30 Uhr auf mein Rad. Gerade einmal ein paar Meter auf dem Aland-Deich unterwegs, sehe ich direkt vor mir fünf Weißstörche auf dem gepflasterten Weg stehen. Ein schöner Anblick, denke ich, als sie mir schließlich Platz machen und sich in die Lüfte begeben. Sicher werde ich heute noch weitere Exemplare zu Gesicht bekommen, freue ich mich, denn unsere geplante Radtour wird uns durch das Storchendorf Rühstädt führen. Doch bis dahin dauert es noch eine Weile, und so halte ich, neugierig nach links und rechts blickend, weiter nach tierischen Bewohnern der Feldmark Ausschau. Auf die Straße brauche ich mich kaum zu konzentrieren, habe ich sie heute doch offensichtlich ganz für mich allein. Zu meiner Rechten entdecke ich einen Fasan, und erinnere mich, dass ich letztes Jahr etwa um die selbe Zeit an der Schönberger Straße ein Exemplar gesichtet hatte. Ich erfreue mich an den blühenden Wegrändern und erschrecke, als kurz vor Geestgottberg auf der linken Seite ein Reh durchs hohe Gras huscht. Ein Blick auf mein Handy verrät mir, dass ich gut in der Zeit liege, und so überlege ich, meinen Radtour-Gefährten einige der hübschen Wiesen-Margeriten als kleines Souvenir mitzubringen. Da ich aber am vereinbarten Treffpunkt mein Frühstück nachholen und an der Tankstelle den Reifendruck überprüfen möchte, was doch ein wenig Zeit frisst, entscheide ich mich, die Pflänzchen stehen zu lassen.

Ohne Dekoration am Rad lasse ich den Hügel zwischen der alten Wittenberger Straße und der B189 hinter mir, überquere die Elbe und erreiche schließlich Wittenberge. Das kann doch nicht wahr sein, fluche ich, als bei der Luftdruckmessung an der Tankstelle plötzlich die Luft aus dem Reifen entweicht. Ich ärgere mich, mich vorab nicht mit der für mich fremden Ventil-Art beschäftigt zu haben und sehe mich in Gedanken mein Rad zum nächstgelegenen Fahrradgeschäft schieben. Der Zufall meint es heute aber gut mit mir und lässt mich nur wenige Meter von der Tankstelle entfernt drei Radfahrern begegnen, die mir schließlich erklären, dass der kleine Stift im Ventil gedrückt werden muss. Mist, denke ich mir, darüber hatte ich tatsächlich mal etwas gelesen. Erleichtert bedanke ich mich und stehe einige Minuten nach der vereinbarten Zeit Ines und Franny gegenüber, die etwas mehr als 30 Minuten Busluft schnupperten. Wo Marcel sei, fragen sie mich, wenig überrascht von seiner fehlenden Gegenwart. Ich lasse sie wissen, was ich selbst erst wenige Minuten zuvor durch ein Telefongespräch erfahren habe. In etwa 20 Minuten wird er am Treffpunkt sein. Die Sonne lacht uns entgegen, freuen wir uns, als Marcel und Kai schließlich eintreffen. Bisher war der Himmel sehr wolkenverhangen. Nachdem Marcel sein Rad ins Freie gekramt hat und wir uns von Kai verabschiedeten, treten wir gegen 10 Uhr schließlich gemeinsam in die Pedalen und schieben unsere Räder nahe der Elbbrücke auf die Deichkrone. Wir erinnern uns, dass wir vor knapp zwei Jahren ebenfalls am rechten Elbufer fuhren, allerdings flussabwärts, und sind zuversichtlich, flussaufwärts auf einem ebenso gut ausgebauten Radweg unterwegs zu sein. Vor uns liegen knapp 50 km.

Wir schaffen es tatsächlich, die Gaststätte zum Fährmann zu passieren, ohne einzukehren. Stattdessen machen wir auf der Höhe Schade-Beuster unsere erste Rast. Neben einer Sitzbank breiten wir unsere Decken aus und verwöhnen uns mit einem ausgiebigen Frühstück aus Karotten, Gurken, Oblaten, Eiern etc. Viele Radfahrer passieren unser kleines Frühstücksidyll. Gut gestärkt schwingen wir uns wieder in die Sättel und erreichen den Wittenberger Ortsteil Hinzdorf. Eine Informationstafel gibt Auskunft über die Kopfweiden, die in der Elbtalaue zahlreich zu finden sind und einst einen wichtigen Wirtschaftszweig der Region darstellten. Ohne im Pfannkuchenhaus vorbeizuschauen, verlassen wir den Ort, an dessen Ausgang ich meinem Gesicht eine Schicht Sonnenmilch gönne. Vom Aussichtsturm 'Bälower Elbblick' genießen wir eine herrliche Sicht über die weite Elblandschaft. Teppiche aus Kuckuckslichtnelken und Wiesenmargeriten schmücken die Wiesen beidseits des Deich-Radweges. Auch am Fahrrad machen die Blüten eine gute Figur, denke ich mir, und entführe einige von ihnen, bevor ich meinen drei Tour-Gefährten folge, die längst auf den Plattenweg in Richtung Rühstädt abgebogen sind.

Zwar werden die hübschen Mitbringsel freudig in Empfang genommen und am Rad positioniert, doch erhalten die Blumen nur kurz Aufmerksamkeit, denn da wir uns am Fuße des Walter-Fritze-Fotopunktes befinden, stehlen ihnen die berühmtesten Bewohner Rühstädts die Show. Um einige der etwa 30 Weißstorchenpaare, die hier, im Europäischen Storchendorf, jedes Jahr ihre Jungen groß ziehen, zu beobachten, schreiten wir die Treppe zum Balkon hinauf. Zahlreiche Horste thronen auf den Dächern der umliegenden Gebäude. Allein auf einem der Dächer zählen wir vier Horste. Die aufmerksame Franny gewinnt schnell den Eindruck, dass es sich bei einem der Horstbesetzer um eine Attrappe handelt, rührt sich der Vogel doch kein bisschen. Die Frage, woher die Legende stammt, dass Meister Adebar die Babys bringt, taucht plötzlich auf, ohne dass sich eine Antwort darauf findet. Später werde ich lesen, dass diese Geschichte hierzulande im 19. Jahrhundert ihren Anfang nahm, als Sexualität ein gesellschaftliches Tabuthema war und Eltern bei der Aufklärung ihrer Sprösslinge entsprechend kreativ wurden. Beim Durchfahren Rühstädts passieren wir mehrere Tafeln, die mit Fotos und Geschichten über den Alltag früherer Zeiten informieren.

Groß ist die Enttäuschung bei den Kaffee-Junkies unter uns, da keines der im Ort befindlichen Lokale aufgrund geschlossener Gesellschaften geöffnet ist. So verweilen wir einige Minuten vor dem 'Landgasthaus Storchenkrug' und treffen auf andere, ebenso unzufriedene Radwanderer. Die Suche nach einem stillen Örtchen führt uns schließlich zum vom NABU Brandenburg betriebenen Besucherzentrum, wo sich die Gelegenheit bietet, den Kaffeedurst mit Kaffee aus dem Automaten zu stillen. Wir entscheiden uns gegen eine geführte Wanderung und fahren weiter Richtung Gnevsdorf, wo die Havel als 10 km langer Kanal, dem Gnevsdorfer Vorfluter, in die Elbe mündet. An einer Weggabelung informiert ein Schild über Bauarbeiten auf dem Elberadweg und eine infolgedessen zu fahrende Umleitung. Etwas orientierungslos legen wir eine spontane Pause ein. Die meisten Pedalritter, die an uns vorbeifahren, wirken hinsichtlich der Frage, welchen Weg sie einschlagen sollen, ähnlich unschlüssig, wählen jedoch den direkten Weg über die angebliche Baustelle. Nur ein Radfahrer, der über die aktuelle Lage bestens informiert zu sein scheint, entscheidet sich für die Umleitung. Allein die Tatsache, dass er allein unterwegs ist, veranlasst Franny zu der Äußerung, dass dieser Typ merkwürdig sei.

Wir legen es darauf an, ignorieren das Schild und folgen weiter dem Radweg. Nach der Überquerung eines Wehrs schaue ich mir eine extra für Schwalben gebaute Nesthilfe in Form eines Turmes an. Bald ist die Fähre in Sicht, die wir nach dem Passieren des Gasthauses Mühlenholz gerade noch rechtzeitig vor dem Ablegen erreichen. Zu unserer Überraschung schließt der NP in Werben samstags bereits um 16 Uhr, sodass wir direkt weiter zum Freibad radeln. Hier treffen wir Ingrid, die berichtet, dass sie als Schulmädchen 1968 beim Ausheben des Bades half. Schnell sind eins und eins addiert, und wir lassen uns vom Bademeister bestätigen, dass sich die Einweihung des Freibades im kommenden Jahr zum 50. Mal jährt.

Nach einem erfrischenden Bad suchen wir die hinter dem Freibad in der Bungalowsiedlung gelegene Datsche auf. Schnell sind die Schlaflager zugeordnet und der Grill angefeuert. Wir sind hungrig, liegen doch etwa 50 km Radstrecke hinter uns. Nachdem die Mädels auch den letzten freien Zentimeter ihrer Haut mit Mückenspray versorgen, bringt Marcel das Grillgut auf den Tisch. Mit vollen Mägen begeben wir uns schließlich ins Wohnzimmer, wo wir uns den argentinischen Film 'Wild Tales' ansehen, der entgegen meiner Erwartung nicht allen gefällt, was lautstark zum Ausdruck gebracht wird. Offensichtlich ist die Couch auch zum Schlafen geeignet, denn Marcel macht nach dem Filmende keine Anstalten, sie zu verlassen. Während im Nebenraum Zentimeter für Zentimeter nach potentiellen achtbeinigen Übernachtungsgästen abgesucht wird, schmeiße ich mich in mein Nachtlager. Kaum befinde ich mich in der Waagerechten, beginnt mein Magen zu rumoren. Ganz plötzlich verspüre ich den Drang, das Klo aufzusuchen, springe auf und taste mich ins Bad. Mit Schwindelgefühl verbringe ich hier einige Minuten, ehe ich mich zurück ins Nachtlager schleppe. Vermutlich liegt dieser nächtlichen Attacke ein Hitzeschlag oder Überfressen zugrunde, möglich ist auch eine Kombination von beidem. Irgendwann muss ich eingeschlafen sein, denn ein Anruf von Vati am frühen Morgen reißt mich aus dem Schlaf. Nach dem Austausch weniger Worte versinkt meine rechte Gesichtshälfte erneut im Kopfkissen, doch entschließe ich mich kurz darauf doch zum Aufstehen.

Mit meinem Handtuch spaziere ich zum nahe gelegenen See. Kaum stehe ich im knietiefen Wasser, nähert sich mir ein Schwanenpärchen, das vermutlich irgendwo in der Nähe sein Gelege hat. Schnellen Schrittes suche ich am Ufer nach einem anderen Zugang zum Wasser, doch die Schwäne folgen mir. Eine Frau, die gerade dabei ist, gemeinsam mit ihren zwei Kindern einen am Bungalow gefundenen Frosch im See auszusetzen, zeigt mir schließlich eine etwas entferntere Stelle, die sich zum Baden eignet. Zwar könnte ich aufgrund einer geringen Seetiefe entlang eines auf dem Seeboden befindlichen Stegs bis ans andere Ufer gehen, doch drehe ich nach wenigen Metern um, denn eine Begegnung mit den Schwänen im Wasser möchte ich lieber vermeiden. Beim gemeinsamen Frühstück philosophieren wir über zukünftige Urlaubsziele und beschließen, sämtliche Ideen in einen Hut zu werfen. Welcher Städtetrip uns als nächstes bevorsteht, entscheidet also das Los! Gegen 12 Uhr brechen wir in Richtung Seehausen auf, treffen uns aber am Abend nochmals im Bungalow.

> 19./20. Mai <

Anpacken in Walsleben, Bummeln durch Neuruppin

Dieses Jahr folgen wir Renés Vorschlag, dem Hausausbauer Tobias einen Besuch abzustatten, und ihm einen Tag lang tatkräftig unter die Arme zu greifen, denn an Arbeit mangelt es laut des Bauherrn in Walsleben keineswegs. Schnell ist mit dem Himmelfahrtswochenende ein für fast alle willigen Bauhelfer geeigneter Termin gefunden, an welchem wir schließlich nicht nur mit anpacken, sondern auch das nahe gelegene Neuruppin erkunden.

Da für den frühen Abend Gewitter angesagt sind, schwinge ich mich kurz nach 10 Uhr auf meinen mit zwei prallgefüllten Fahrradtaschen beladenen Drahtesel. Für die Fahrt bis Walsleben habe ich sechs bis sieben Stunden eingeplant, mehrere kleine Pausen sowie einen Sprung in einen an der Strecke liegenden See eingerechnet. Auf die etwa 75 km lange Route, die vor mir liegt, bin ich sehr gespannt, stellt diese Streckenlänge für mich doch eine Premiere dar. Aufgrund der sehr ausgefahrenen Fahrbahn zwischen Schönberg und Neukirchen entscheide ich mich, über Falkenberg und Lichterfelde zu fahren, und folge ab Wendemark der L2, die mich durch die kleinste Hansestadt der Republik führt. Auf dem Werbener Marktplatz angekommen, nehme ich trotz meiner Kopfhörer das Klingeln meines Telefons wahr, bringe mein Zweirad zum Stehen und krame das Handy ins Freie. Während ich vergeblich in das Telefon brülle und von Tobias kein Wort vernehme, erschrecke ich, als mein Rad plötzlich umfällt und sich mein Obst auf der Straße verteilt. Ich stelle fest, dass sich ein mit zwei vollen Hinterradtaschen beladenes Fahrrad nicht so einfach durch das Anheben des Fahrradsattels zur Seite stellen lässt. Nachdem ich meine Habseligkeiten wieder verstaut und Tobias schließlich erfolgreich Auskunft über meine geplante Ankunftszeit erteilt habe, mache ich mich auf den Weg ins 4 km entfernte Räbel. War ich bisher ausschließlich auf einer asphaltierten Fahrbahn unterwegs, erfordert das Fahren auf dem aus Sand und Split bestehenden Fahrbahnrand Konzentration. Ich habe Glück, denn die Gierseilfähre, die allein durch die Strömung bewegt wird, liegt gerade an der linkselbischen Seite an. Bei herrlichem Sonnenschein lasse ich mich von ihr über den Strom tragen.

Das 'Haus der Flüsse' lasse ich links liegen, lasse die Insel- und Domstadt Havelberg in östlicher Richtung hinter mir, verlasse die L4 und biege in Müggenbusch rechts in die beschattete Straße nach Wöplitz ein. Eine fehlende Beschilderung an einer Weggabelung zwingt mich, mich für einen Weg zu entscheiden. Intuitiv wähle ich den linken, und treffe kurz darauf einen Radfahrer, dem diese Region ebenfalls fremd ist. Nach mehreren Kilometern durch bewaldetes Gebiet stoße ich nahe des Aussichtsturms Lütow an dem Flüsschen Neue Jäglitz auf eine weitere Weggabelung. Von der Info-Tafel erhoffe ich mir Hilfe zur Orientierung, doch werde ich enttäuscht, und schlage stattdessen beim Lesen des Satzes „Der Kranich, welcher dieser ..“ in Gedanken die Hände über dem Kopf zusammen. Gemeinsam mit dem mir bekannten Radfahrer, der mich mittlerweile eingeholt hat, erkundige ich mich bei zwei anderen Pedalrittern nach dem Weg. Dank ihnen vermeide ich es, einen Umweg über Vehlgast zu fahren, und erreiche den Ort Damerow. Hier, kurz vor der Ländergrenze Sachsen-Anhalt/Brandenburg, irre ich orientierungslos umher, bis ich schließlich auf einen Mann treffe, der mir freundlich Auskunft gibt. So erklärt er mir, dass der direkteste Weg nach Neustadt (Dosse) über Joachimshof, Koppenbrück und Goldbeck führt. Darüber, dass ich einen Teil der Strecke aufgrund eines zu sandigen Untergrundes voraussichtlich vom Rad steigen muss, bin ich mir dank seiner Info im Klaren. Von der langen Kopfsteinpflasterstraße mit schmalem und holprigen Randstreifen erfahre ich vom Anwohner, der vermutlich nicht Rad fährt – so lässt es seine voluminöse Erscheinung jedenfalls vermuten – allerdings nichts. In Neustadt (Dosse) angekommen, schaue ich mir die Informationstafel an, und halte anschließend beim Durchfahren des Ortes nach dem örtlichen Freibad sowie dem nahe gelegenen See Ausschau. Da ich beides nicht entdecken kann, folge ich der B102 in Richtung Bückwitz, um mich im Bückwitzer See abzukühlen. Daraus wird wohl nichts, ahne ich, als ich mich der hiesigen Badestelle nähere und bei lautstarker Musik auf eine große Menschenmenge treffe. Zwei vergnügte Passantinnen, die ich anspreche, teilen mir mit, dass es am See keinen weiteren Zugang zum Baden gibt. Allerdings gäbe es in Wusterhausen/Dosse einen großen Badesee, und so setze ich meine Fahrt auf dem die B5 begleitenden Radweg fort.

Im Strandbad Wusterhausen am Klempowsee verweile ich unweit eines sich sonnenden Schwans eine Stunde, bevor ich mich bei zunehmend verdunkelndem Himmel wieder auf mein Rad schwinge. Als die Orte Gartow, Dessow und Lögow hinter mir liegen, biege ich links in das weniger slawisch klingende Walsleben ab. Was für ein Empfang, denke ich mir, als beim Passieren der Dorfkirche ein Blasorchester zu Spielen beginnt. Ich frage mich nach der Bergstraße durch, wundere mich kurz über eine vermeintlich inkonsequente Vergabe der Hausnummern, als ich Tobi plötzlich hinter dem Tor mit der von mir gesuchten Hausnummer entdecke. Freudig begrüßen wir uns, und ich nehme es nicht persönlich, dass Tobis Mutter, Opa und Halbschwester kurz nach meiner Ankunft die Heimfahrt antreten. Eine detaillierte Hausbesichtigung verschieben wir auf später, damit Tobi nach Hennings geplanter Anreise um 20:30 Uhr nicht alles wiederholen muss. Nachdem auch Henne mit Grillgut versorgt wurde und wir von Tobi viel über die vorangegangenen Arbeiten im Haus und am Dach erfahren, verkrieche ich mich gegen Mitternacht ins auf dem benachbarten Grundstück aufgebaute Zelt. Führt Henne im Nachbarzelt ein Selbstgespräch, frage ich mich, als ich ihn wenig später neben mir Portugiesisch sprechen höre. Gegenüber einer leichten Aggression gewinnt schließlich die Neugierde beim Zuhören der mir nicht ganz unbekannten Sprache die Oberhand, und so lasse ich Henne weiter ins entfernte Brasilien telefonieren.
Nachtquartiere
Noch am Abend erzählte uns Tobi, dass sich die Estrichleger für den Freitagmorgen angekündigt haben, und so begegne ich dem Bauherrn und zwei Handwerkern pünktlich um 7:30 Uhr im zukünftigen Wohnzimmer. Dass ich mich so früh auf der Baustelle einfinde, liegt zum einen an meinem Interesse, beim Estrichlegen zuzusehen, zum anderen an der Tatsache, dass sich mein Zelt in der Morgensonne bereits dermaßen aufgeheizt hatte, dass ich es in seinem Inneren nicht mehr aushielt. Zu Tobis positiver Überraschung schreiten die routinierten Handwerker, mit denen wir die vom Bauherrn mitgebrachten belegten Brote hungrig verschlingen, mit ihrer Arbeit schnell voran. Bis zum Mittag werden sie mit dem Wohn- und Schlafzimmer sowie der Küche und dem Flur fertig sein, heißt es, und um sie entsprechend zu entlohnen, fahren Tobi und ich nach Neuruppin zum Geldabheben. Zurück in Walsleben treffen wir auf den mittlerweile ausgeschlafenen Henning, mit dem wir uns schließlich in die Gartenarbeit stürzen, da das Haus heute und in den nächsten Tagen nicht betreten werden darf. Nachdem wir auf dem Innenhof ungeliebtes Wurzelwerk ausgraben, bewaffnen wir uns mit Freischneider und Astschere, und rücken den Brennnesseln sowie Buschwerk im Garten zu Leibe. Über Christians Ankunft sind wir besonders froh, sorgt er doch mit den mitgebrachten Pizzen dafür, dass wir uns für die nächsten Aktionen stärken können. So dauert es nicht lang', und René stößt zur Gruppe, bereit, vom Bauherrn als unbrauchbar oder störend erklärte Gehölze von der Bildfläche verschwinden zu lassen. Während René auf der Wiese munter seine Säge schwingt, widmen wir uns nach reichlicher Überlegung der einem Hochsicherheitsgefängnis ähnelnden Zaunanlage, welche vom Vorbesitzer vermutlich errichtet wurde, um den Fuchs vom geliebten Federvieh fernzuhalten. Meter für Meter bauen wir eifrig den Maschendrahtzaun zurück und ich scherze laut, dass wir heute keinen Stein mehr auf dem anderen lassen.
Christian amüsiert sich, während René Kleinholz macht
Kreative Pause
Der Zaun muss weg!


Bauherr und Bauherrin zeigen sich sichtlich zufrieden über das Ergebnis des heutigen Schaffens, und so gehen wir zum gemütlichen Teil des Tages über. Dieser findet im von Tobi angemieteten Ferienhaus statt, welches sich nur ein paar Häuser entfernt befindet und seinem früheren Religionslehrer gehört, der wiederum das Nachbarhaus bewohnt. Da der Vermieter gerade urlaubt, lernen wir ihn nicht kennen. Der Postkasten im Nachbarhaus verrät lediglich, dass er taz-Leser ist. Mit ausreichend Grillgut auf dem Teller kehren wir dem Hof des Ferienhauses den Rücken und machen es uns im Esszimmer bequem. Nach dem Leeren zweier 'Kräuter' begeben wir uns ins Wohnzimmer, das uns durch die vorhandene Einrichtung den Eindruck vermittelt, als wären wir gerade als Fremde im Haus einer betagten Frau, die ihre vier Wände nur mal kurz zum Einkaufen verlassen hat. So fragen wir uns, als wir die an der Wand hängenden Bilder von einer Oma und ihren Enkeln betrachten und die Fotoalben der Familie in den Händen halten, ob wir wohl im Badezimmer ihre dritten Zähne vorfinden werden. Angeheitert vom vorherigen Ess- und Trinkgelage schmeißen wir uns auf die äußerst bequeme Couch oder auf den Fußboden, und amüsieren uns über die Bewegungen des Massagestuhls. Getreu dem Motto, man soll aufhören, wenn es am schönsten ist, wirft sich Tobi gegen halb 3 Uhr ins Bett im Nachbarzimmer, und auch wir anderen suchen nach und nach unsere Nachtquartiere auf.
Ferienhaus
Gute Laune am Abend
Tobi als Couchbesetzer ..
.. René bleibt nur der Fußboden
Massagestuhl sorgt für Heiterkeit

Für heute, Samstag, ist eine Fahrt ins etwa 10 km entfernte Neuruppin geplant, und so steigen wir nach dem Frühstück in Omas Esszimmer in Renés Familiengefährt. Nach einem kurzen Zwischenstopp in der vorübergehenden Bleibe von Tobi und seinen drei Mädels, und einem weiteren Halt am Getränkemarkt, leitet uns Tobi ins Zentrum der Fontanestadt. Unweit von der Pfarrkirche St. Marien geparkt, wollen wir einen Blick ins Innere der auch als Veranstaltungszentrum genutzten Kirche werfen, bleiben allerdings vor verschlossener Tür stehen. Wir passieren die ausladende Krone einer Buche und folgen der Karl-Marx-Straße. Den Schulplatz als zentralen Platz der Stadt ziert ein Denkmal von Friedrich Wilhelm II. Statt an die preußische Geschichte denken wir lieber daran, Annika im Blumenladen einen Besuch abzustatten. Ein paar Schritte weiter, an der Ecke des folgenden Blocks, gönnen wir uns in der Paolo Zambon Eisdiele ein leckeres Gelati. Erfrischt biegen wir in den Fontaneplatz ab und spazieren die von einer Allee gesäumte Karl-Liebknecht-Straße entlang, an deren Ende uns Tobi auf seine frühere Schule aufmerksam macht. Auf dem Uferweg flanierend, begegnen wir einem Freund Tobis, den wir später noch einmal wiedertreffen sollen. Bei strahlendem Sonnenschein lassen wir schließlich unseren Blick über den Ruppiner See als mit einer Länge von 14 km längstem See Brandenburgs schweifen. Mit dem Gedanken, im nächsten Jahr irgendwo einen Ausflug per Hausboot zu unternehmen, begeben wir uns wieder in Richtung Innenstadt. Wir lassen die Klosterkirche links liegen, schießen aber in deren Nähe ein Gruppenfoto, um – um es mit Renés Worten zu sagen – „den Verfall zu dokumentieren“. Am Parzival am See, einem 17 Meter hohen Kunstwerk aus Edelstahl, lässt Tobi kein gutes Haar. Auch wir finden, dass es sich bei dieser Statue um keine Schönheit handelt, und schreiten die nahe gelegene Seebrücke entlang, welche von einem jungen Angler gerade zum Fischen genutzt wird. Just im Moment des Vorbeilaufens befördert der Junge einen Fisch an Land, dem er zu unserem Erstaunen einen Kuss gibt, bevor er ihn wieder ins kühle Nass wirft. Auf dem Kirchplatz verweilen wir eine Weile nahe des 1883 vom Bildhauer Max Wiese gestalteten Schinkel-Denkmals, welches den jungen Maler und Baumeister Karl Friedrich Schinkel zeigt, dessen Wiege in Neuruppin stand.
"Um den Verfall zu dokumentieren."
Ruppiner See
Kunst, die nicht begeistert
Schinkel-Denkmal
Auf dem Weg zurück nach Walsleben kaufen wir für das heutige Abendessen ein. Bevor wir uns an die Zubereitung der Speisen machen, entscheiden wir uns für einen Spaziergang durch Tobis neuen Wohnort, der etwa 800 Einwohner zählt; die im Mühlenweg lebenden, lustig dreinblickenden Alpakas, deren Wolle zu Bettwaren verarbeitet wird, nicht mitgerechnet. Zurück im Ferienhaus servieren uns Christian und René schließlich Nudeln mit zwei verschiedenen Tomatensoßen, die allen Beteiligten sehr gut schmecken. Farblich passend, tischt Christian als Nachspeise in Alkohol getränkte Wassermelone auf.
Abendspaziergang
Spaghetti Creazione a la Christian und René
Nach einem guten Frühstück treten wir am Sonntag gegen 10 Uhr die Heimfahrt an und freuen uns auf ein baldiges Wiedersehen. Möglicherweise wird dieses noch im selben Jahr in Walsleben stattfinden, sind wir doch auf die Fortschritte der Ausbauarbeiten sehr gespannt.

> 10./13. Mai <

Rätselhaftes Adventsmarkt-Wochenende

Am Vortag des ersten Advents treffen wir uns gegen 10:30 Uhr am reichlich gedeckten Frühstückstisch von Gastgeberin Ines in der Beuchaer Straße im Leipziger Stadtteil Anger-Crottendorf. Bevor wir uns auf die Brötchen stürzen, werden allerdings noch Adventsgeschenke verteilt, und so wandern hauptsächlich Adventskalender von einer Hand in die andere. Kaum sitzen wir am Tisch, fliegen auch schon – wie könnte es bei unserer Konstellation auch anders sein – die verbalen Fetzen. Letzteren gehen kleine Kaufetzen voraus, die sich ungefragt aus meinem Mund entfernen und auf dem Ärmel meiner Sitznachbarin Franny landen, welche mich – merklich angewidert – schreiend auffordert, nicht mehr in ihre Richtung zu gucken, während ich kauend erzähle. So gilt meine Aufmerksamkeit nun der mir direkt gegenübersitzenden Ines, die sich sofort auf alle Viere begibt, um den Fußboden von den kürzlich heruntergefallenen Brotkrumen zu säubern, was bei den anderen Frühstücksteilnehmern schallendes Gelächter auslöst. Dank unserer kuriosen Eigenarten geht also mal wieder ordentlich die Post ab.

Unsere gesättigten Leiber werfen wir nun auf die wenige Meter entfernte Couch, auf welcher wir uns Gedanken über die heutige Freizeitgestaltung machen. Zunächst steht der Besuch des Escape Rooms 'Honeckers Albtraum' auf dem Programm, dessen Tür sich in knapp einer Stunde für uns öffnen wird. Wie immer trödeln wir vor uns her, sodass wir nach dem Verlassen der Wohnung erschrocken feststellen, dass wir es aus Zeitgründen nicht mehr fußläufig bis zur Escape Room-Challenge schaffen werden. Während wir an einer Straßenbahn-Haltestelle auf einen Bus warten und wir Marcel dazu überreden können, nicht in den direkt neben uns stehenden Papierkorb zu pinkeln, begegnet uns eine Frau, die einen zusammengerollten grasgrünen Teppich auf der rechten Schulter trägt, der Ines' Wohnzimmerteppich zum Verwechseln ähnlich sieht. Ob die Wohnung unserer Gastgeberin gerade ausgeraubt wird, fragen wir uns, hängen dieser Frage aber nicht lange nach, da mit mehreren Minuten Verspätung jetzt endlich der Bus eintrifft. Wir haben Glück und der Busfahrer winkt uns ohne zu bezahlen weiter. Sind wir hier in Kuba oder was? Nein, sind wir nicht, denn nach zwei Stationen steigen wir aus und stehen vor der Russischen orthodoxischen^^ Gedächtniskirche und wenige Schritte später vor der deutschen Nationalbibliothek.

Fast pünktlich erreichen wir den Kohlrabi-Zirkus, eine Kuppel-Architektur, die laut Aussage unserer Stadtführerin Ines von den Leipzigern auch liebevoll 'Bürgermeisters Titten' genannt wird. Unser Anlaufpunkt soll heute die linke Titte sein, welcher wir uns entlang des großen Parkplatzes langsam nähern. Ein freundlicher Schirmmützenträger öffnet uns die Tür, führt uns durch einen mit unzähligen Signaturen an den Wänden versehenen Flur und heißt uns schließlich zur Escape Room-Challenge Willkommen. Nachdem er uns mit den Spielregeln vertraut macht und wir uns für die Variante mit sechs Tipps entscheiden, begleitet er uns in den benachbarten Rätselraum. Inmitten der mit DDR-Möbeln eingerichteten vier Wände fühlen wir uns um drei Jahrzehnte zurückversetzt. Am MuFuTi sitzend, macht uns unser Spielleiter auf die an der Zimmerdecke angebrachte Kamera aufmerksam, über die er uns während des Spiels beobachten wird. Mithilfe eines Walki-Talkies können wir bei Bedarf mit ihm kommunizieren. Vor dem fiktiven Hintergrund, dass Genosse Erich uns an der Flucht aus unserem eigenen Wohnzimmer hindern will, wird es nun unsere Aufgabe sein, binnen 60 Minuten den für die Flucht erforderlichen Schlüssel zu finden. Hierzu ist das Lösen mehrerer Rätsel notwendig und so erwarten wir mit Spannung das aus dem Radio ertönende Startsignal. Neugierig stellen wir alles auf den Kopf und rätseln, was das Zeug hält. Als Escape-Room-Anfänger stellen wir fest, dass es so leicht nicht ist, um die Ecke zu denken. Die Rätsel haben es wirklich in sich und so nehmen wir über das Walki-Talkie die uns zur Verfügung stehenden Tipps in Anspruch. Als der im Vorfeld angekündigte Countdown einsetzt, grübeln wir gerade über die letzte Zahlenkombination, welche wir schließlich erfolgreich enträtseln, sodass wir rechtzeitig den Schlüssel in den Händen halten und die Wohnzimmertür öffnen können. Die Aussage des Spielleiters, wonach wir angeblich 58 Minuten für die Flucht benötigt haben, wagen wir zu bezweifeln, kommt es uns doch so vor, als wolle man uns mit einem positiven Gefühl flüchten lassen. Die genaue Zeit soll uns allerdings egal sein, denn wir hatten einen aufregenden Aufenthalt und sind um eine interessante Erfahrung reicher. Der Besuch eines anderen Escape Rooms wird vermutlich nicht lange auf sich warten lassen. Ines kann sich sogar mit dem Gedanken anfreunden, sich im 'Carrie'-Raum einschließen zu lassen. Wir werden sehen.

Um zum Weihnachtsmarkt zu gelangen, entscheiden wir uns für die S-Bahn und so schreiten wir die Treppenstufen zur Haltestelle hinab. Für den Kauf von Fahrkarten bleibt keine Zeit, denn wir beweisen perfektes Timing und steigen in die eintreffende Bahn. Geiz ist auch Ende 2017 noch geil und so schmieden wir, clever wie wir sind, den Plan, uns am Fahrkartenautomat blöd zu stellen. Dem Schaffner gegenüber geben wir uns als ortsfremd und damit inkompetent in Sachen Fahrkartenautomaten-Benutzung aus und tippen munter und absichtlich orientierungslos auf dem Bildschirm herum. Ich vermute, dass der Mann in Uniform eine solche Szene nicht zum ersten Mal sieht und werde den Eindruck nicht los, dass er uns die Unwissenheit nicht abkauft. Allerdings scheint auch er nicht der Hellste im Umgang mit dem Automaten zu sein, kommt er doch angeblich nicht von hier. Letztendlich bleibt es bei der obligatorischen Verwarnung. Ob es an unserem überzeugenden Auftritt lag oder der freundliche Bahn-Stewart einfach nur keine Lust auf Konfrontation hatte, werden wir wohl nie erfahren. Als vermeintliche Idioten verlassen wir die Bahn.

Am Wilhelm-Leuschner-Platz angekommen, rückt Ines noch schnell ihr Höschen zurecht, bevor wir uns ins innerstädtische Weihnachtsgetümmel stürzen. Es sind weniger die wenigen Schritte, die wir zurückgelegt haben, als vielmehr die fruchtigen Düfte, die uns das Gefühl geben, dass es uns dürstet, und so gönnen wir uns eine Tasse Quitten-Punsch, Heidelbeer-Punsch und Heiße Schokolade. Bei den doch ziemlich kalten Temperaturen wärmen die Getränke gut durch und sind zudem sehr appetitlich. Weniger appetitlich, aber doch recht amüsant, ist das Thema, über welches wir uns unterhalten, nachdem wir auf Kais Abwesenheit zu sprechen kommen. Wer meint, dass das Thema Intimrasur bzw. damit möglicherweise einhergehende Hautschäden wenig unterhaltsam ist, der irrt, und so erzählen Marcel und Franny von Bekannten, die aufgrund eines eingewachsenen Haares ein halbes Jahr krankgeschrieben waren. Was es alles gibt, resümieren wir, und schwenken vom geistigen Konsum durchaus interessanter Erzählungen zum Konsum, der physisch erlebbar ist.

Auf der Suche nach einem grünen Parka klappern wir die umliegenden Bekleidungsgeschäfte ab und werden nach einer Stunde schließlich fündig. Shoppen macht hungrig und so gönnen wir uns im Gewusel der Massen Fisch im Bierteig oder die klassische Thüringer Bratwurst. Heruntergespült wird die Mahlzeit anschließend mit einem herrlich duftenden Erdbeer-Punsch. Am Stollen-Stand bietet eine freundliche Verkäuferin Stollen mit Marzipan, Mandeln oder Nougat feil. Zwar stößt die Frau durch ihren Vorschlag, beim ungeraden Stollenpreis aufzurunden, wodurch sie einige Cent mehr in ihre Kasse spült, bei Kundin Ines auf wenig Gegenliebe, doch hält es sie und Franny nicht vom Kauf des leckeren Gebäcks ab. Nachdem wir auch in der Lebkuchen-Bude für kräftigen Umsatz sorgen, statten wir dem Finnischen Dorf einen Besuch ab und lassen uns ein mit geräuchertem Lachs gefülltes Roggenbrötchen schmecken. Mit der Straßenbahn fahren wir zurück zu Ines' Wohnung, wo wir es uns auf der Couch gemütlich machen. Wenig überraschend tun wir uns mit einer Entscheidung für das abendliche Fernsehprogramm schwer. Unsere Wahl fällt schließlich auf einen Film, welchen wir anfangs dank einer mangelhaften Internetverbindung nur mit Unterbrechungen sehen können. Umso mehr freuen wir uns auf Carsten und Valeska, mit denen wir am Sonntagmorgen gemeinsam frühstücken wollen.

Unglaublich, Carsten und Valeska haben doch tatsächlich ohne uns angefangen! Naja, wir sind ja selbst Schuld, denn Pünktlichkeit ist nicht unsere Stärke. Obwohl, die meisten von uns waren Punkt 10 Uhr frühstücksbereit. Nur Marcel, der Wohnzimmerschläfer, kam nicht aus den Federn, sodass die Couch besetzt war. Schließlich konnten wir den Langschläfer doch zum Aufstehen bewegen und ließen uns Ines' selbstgemachtes Chili con carne schmecken, bevor wir uns voll und ganz den Verkaufstalenten Carsten und Valeska widmen. Da uns die feil gebotenen Produkte nicht überzeugen, switchen wir zum 'Sterntaler' und begleiten das kleine blonde Mädchen auf ihrer abenteuerlichen Suche nach ihren vom König verschleppten Eltern. Als ihre Reise zu Ende ist, gehen auch wir auf die Suche, und zwar nach frischer Luft. Bei fallenden Flocken spazieren wir durch den Lene-Voigt-Park, Ines' Laufrevier, bevor unser rätselhaftes Adventsmarkt-Wochenende schließlich sein Ende nimmt.

> 2./3. Dezember <

Elbe-Radtour, doch wo ist die Elbe?


In Regenjacke und -hose gehüllt, treffe ich Franny wie verabredet am Sonntag um viertel zwölf am Seehäuser Bahnhof. Marcel hatte wenige Stunden zuvor wissen lassen, dass er es vermutlich nicht pünktlich zur Abfahrt des Zuges schafft und deshalb mit Kai die nächste Verbindung nehmen wird. Statt zu viert steigen wir also zu zweit mit unseren Fahrrädern in die Bahn in Richtung Stendal und nehmen auf den blauen Klappsitzen im Fahrradabteil Platz. Da der ältere Fahrgast neben uns offensichtlich keinen Wert auf Körperpflege legt und uns ein unangenehmer Duft in die Nasen kriecht, entscheiden wir uns allerdings schnell für einen Platzwechsel und machen es uns in der 1. Klasse bequem. Mit einem interessanten Gespräch über die am vorherigen Wochenende stattgefundene Bundestagswahl vergeht die Zeit bis zur Ankunft in Stendal wie im Flug. Hier suchen wir das Gleis 8 und werden nach einigem Umherirren tatsächlich fündig. Dass wir das entsprechende Hinweisschild beim erstmaligen Gang durch den Bahnhofstunnel nicht gesehen haben, macht deutlich, dass auch vier Augen nicht zwangsläufig mehr sehen als zwei. Letztendlich stimmen wir darin überein, dass das Hinweisschild an einer ungünstigen Stelle im Tunnel angebracht ist und die Gleis-Info dadurch generell leicht fehlinterpretiert werden kann. Nachdem wir unsere Drahtesel in der Regionalbahn nach Tangermünde deponiert haben und Franny am Bahnsteig ihre Lungen mit kräftigen Zigarettenzügen verwöhnt, düsen wir in der in südwestliche Richtung fahrenden Bahn pünktlich davon.

Im etwa zwölf Kilometer entfernten Tangermünde angekommen, schwingen wir uns in unsere Fahrradsättel und begeben uns auf die Suche nach der Neuen Straße, in der sich unser Quartier für die kommende Nacht befindet. An einer Straßenkreuzung checken wir nochmal die Lage und finden bei leichtem Regen schließlich die gesuchte Adresse. Da wir unser Ziel bereits eine halbe Stunde vor dem verabredeten Termin erreichen und uns an der Türe niemand öffnet, kontaktiere ich die für die Vermietung der Ferienwohnung zuständige Frau, woraufhin diese uns in die in unmittelbarer Nähe befindliche St. Stephanskirche bestellt, da sie hier gerade tätig ist, indem sie kirchliche Souvenirs an den frommen Mann bzw. die fromme Frau bringt. Unter Gottes wachsamen Augen erledigen wir die Formalitäten und entscheiden uns statt einer ausgiebigen Kirchbesichtigung für die Sichtung unseres Nachtquartiers. Schließlich ist unsere Zeit in der Kaiserstadt begrenzt und wir müssen Prioritäten setzen. Erneut die gepflasterte Straße entlang fahrend, halten wir vor dem zur Ferienwohnung gehörenden Hoftor, welches wir auf Empfehlung der Verwalterin unter Zuhilfenahme von ein wenig Gewalt öffnen. Wir kämpfen uns an der in das Tor hineinwachsenden Korkenzieher-Weide vorbei und betreten neugierig das Innere des Hauses. Als Erstes fällt uns der Geruch auf, der darauf schließen lässt, dass es sich – wie die Verwalterin gleich zu Beginn unseres ersten Telefonats meinte – tatsächlich um eine jüngst renovierte Wohnung handelt. Auf drei Ebenen stehen uns sechs Betten sowie zwei Bäder zur Verfügung. Auch die Ausstattung der Küche ist vollkommen ausreichend, sodass wir einen sehr positiven Gesamteindruck erhalten.

Nachdem mich Franny über die Schönheiten der von ihr im Sommer besuchten Ostfriesischen Insel Borkum aufklärt, machen wir uns auf den Weg zum Bahnhof, um Marcel und Kai abzuholen. Dass keiner von beiden aus der gerade eingetroffenen Bahn steigt, halten wir zunächst für einen Scherz. Schließlich fällt mir ein, dass sie wahrscheinlich an der Haltestelle 'Tangermünde West' ausgestiegen sind. Ich liege falsch, denn Marcel erklärt mir am Telefon, dass sie den Anschlusszug in Stendal verpasst haben und sich nun per Fahrrad auf den Weg in die Kaiserstadt gemacht haben. Da an dieser Situation nichts zu ändern ist und wir ein schnellstmögliches Treffen herbeisehnen, fahren Franny und ich an den Ortseingang von Tangermünde, um die Anderen hier in Empfang zu nehmen. Da es nach wie vor regnet, stellen wir unsere Räder unweit der Straße ab und flüchten in ein mit Tomaten bewachsenes, offenes Gewächshaus. Darüber, dass wir uns auf einem Gelände des Direktvermarkters Franiel befinden, das übrigens nicht umzäunt ist, informiert eine am Straßenrand stehende Strohfigur. Schnell entdecken wir die neben dem Gewächshaus stehenden Himbeer-Reihen. Dutzende der leckeren Früchtchen wandern in unsere Mägen, bevor wir schließlich die weiteren Anbauflächen in Augenschein nehmen. Auch mit Radieschen und Karotten fackeln wir nicht lange und lassen das Wurzelgemüse sowie mehrere Tomaten im Fahrradkorb verschwinden. Die Zeit vergeht und von Marcel und Kai ist entlang der Straße nichts zu sehen, sodass wir mit unserer Ernte zurück zum Quartier fahren, um uns mit den Nachzüglern später dort zu treffen. Als es schließlich soweit ist, führt Kai als Entschuldigung für die späte Ankunft in Tangermünde einen Abstecher zum Pilze sammeln an, was natürlich als Scherz gemeint ist. So waren es vielmehr der kräftige Wind und der geringe Reifendruck, die ein schnelles Vorankommen unmöglich machten.

Mit hungrigen Mägen begeben wir uns zur Kaffeezeit auf die Suche nach einer Gaststätte und entscheiden uns für die Exempel-Gaststuben, die sowohl Franny als auch Kai bereits bekannt sind. Wir schreiten die Stufen hinauf und fühlen uns plötzlich ein halbes Jahrhundert zurückversetzt – was natürlich nicht wirklich möglich ist und eher auf die Generationen vor uns zutrifft. Hier, im einstigen Schulgebäude, scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Mit staunenden Blicken folgen wir der Wirtin durch die mit originalen Möbeln eingerichtete frühere Schulküche, die heute als Bar- und Empfangsbereich genutzt wird, und befinden uns schließlich im früheren Klassenzimmer. Die originalen hölzernen Schulbänke, das Lehrerpult und die unzähligen, auf dem Boden stehenden bzw. die Wände schmückenden Utensilien aus dem einstigen Schulalltag lassen viel Liebe zum Detail erkennen. Da wir sehr hungrig sind, stürzen wir uns auf die auf unseren Bänken liegenden Speisekarten in Schulheft-Form. Die Lektüre studierend, erfahren wir nicht nur, was es hier Leckeres zu Essen und Trinken gibt. In dem kleinen Heftchen lesen wir darüber hinaus viel Wissenswertes über die Geschichte der Stadt. Demzufolge werden wir die Gaststätte nicht nur mit gefülltem Magen, sondern auch mit gefülltem Hirn verlassen. Aus dem Staunen kommen wir nicht raus, denn die von der Wirtin servierte Kürbiscremesuppe sieht einfach großartig aus. Statt auf einem Teller befindet sich das Süppchen in einem (vermutlich) selbst gebackenen runden Brot. Da Letzteres einfach zu mächtig ist, lassen wir es vorerst unaufgegessen. Eine kluge Entscheidung, denn sonst würden wir den Hauptgang nicht „verinnerlichen“ können. Bevor wir die Kombination aus Gast- und Bildungsstätte verlassen, besichtigen wir die Räumlichkeiten in der oberen Etage. Auch hier ist es sehr gemütlich.

Um für den nächsten Morgen einzukaufen, machen wir uns wieder auf den Weg zur Ferienwohnung, wo sich unsere Fahrräder befinden. Vor verschlossener Türe stehend, stellen wir erschrocken fest, dass keiner von uns an den Haustürschlüssel gedacht hat, der offensichtlich immer noch in der Wohnung auf dem Flurtisch liegt. Uns fällt ein, dass die Verwalterin sagte, dass sie heute ab dem frühen Nachmittag auf einer Geburtstagsfeier in Osterburg und somit nicht vor Ort ist. Gedanklich sehen wir schon den Schlüsseldienst die Türe öffnen, als wir uns dann doch für einen Anruf nach Osterburg entscheiden. Nach reiflicher Überlegung teilt uns die freundliche Stimme am anderen Ende mit, dass sich jemand aus Osterburg auf den Weg zu uns machen wird. Dass es sich bei dem Schlüsselbringer um das Geburtstagskind handelt, werden wir eine halbe Stunde später erfahren. Dankend stecken wir unserem Helfer in der Not Spritgeld zu und verstauen sorgfältig den Haustürschlüssel, bevor wir in der Dunkelheit Tangermündes zu zwei Discountern fahren und unsere Einkaufskörbe füllen. Schwer bepackt mit tollen Sachen, die den späten Abend und den nächsten Morgen schöner machen, radeln wir zurück zur Unterkunft, wo wir es uns am Küchentisch bequem machen. Gardinen am Fenster scheint man hier nicht zu mögen, sodass wir und die Anwohner auf der anderen Straßenseite uns gegenseitig auf den Küchentisch gucken können, es sei denn, ein vorbeilaufender und mit ausgestrecktem Arm fast greifbarer Passant steht uns dabei im Weg. Müde von den jüngsten, aufregenden Ereignissen begeben wir uns in die erste Etage und schmeißen uns bei geöffnetem Fenster in die Federn. Da die Glocke der etwa 150 Meter entfernten St. Stephanskirche alle viertel Stunde läutet, schlafen einige von uns ziemlich unruhig.

Tangermünde scheint in der Tat eine Hochburg des Tourismus zu sein, denke ich mir, als ich mich in den engen Gassen bei einem Passanten nach einem Bäcker erkundige und mehrere Möglichkeiten genannt bekomme. So bieten auch am heutigen Feiertag die Backstuben ihre Waren feil. Nach einem umfangreichen Frühstück, zu welchem Kai Rührei zaubert, brechen wir fast pünktlich zur geplanten Zeit auf. Auf den gepflasterten Straßen fahren wir zum Marktplatz und bestaunen das im späten Mittelalter erbaute Rathaus mit seiner spätgotischen Schauwand. Für ein näheres Kennenlernen Grete Mindes sowie einen Besuch des Heimatmuseums bleibt uns keine Zeit, da uns heute eine lange Radtour bevorsteht, und so werden wir nichts Genaueres über die Frau erfahren, die angeblich die Stadt 1617 angezündet hat und schließlich zwei Jahre später auf dem Scheiterhaufen endete.

In der Annahme, direkt auf Höhe des Marktplatzes runter zur Elbe zu gelangen, durchfahren wir die Marktstraße und stehen plötzlich vor der Stadtbefestigung. Hier geht es nicht weiter und so kehren wir schließlich zum Marktplatz zurück und folgen der Kirchstraße. Vor den Exempel-Gaststuben biegen wir rechts in die Lehrerstraße ein und düsen durch das Elbtor auf die Hafenpromenade. Nur etwa 300 Meter sind es von hier bis zur Mündung des Tanger in die Elbe. Ein paar Minuten fahren wir nun bei herrlichem Sonnenschein an der Elbe entlang, bevor wir auf der Arneburger Straße die im Norden der Stadt befindlichen Industrieanlagen passieren. Da wir uns dazu entschlossen haben, auf der rechtselbischen Seite Richtung Norden zu radeln, überqueren wir die Elbbrücke, wobei uns kräftiger Gegenwind ins Gesicht bläst. Meter für Meter legen wir entlang der B188 zurück, aber ein erwarteter Abzweig hinunter zum Fluss ist nicht in Sicht. Seltsam, denken wir, als wir eine Treppe entdecken, die allerdings durch Leitplanken versperrt ist. Die Idee, unsere Räder über die Barriere zu heben, setzen wir nicht in die Tat um und folgen weiter der Hauptstraße, die kein Ende nehmen will. Dass es in den Jahren zuvor möglich war, über die Treppe hinunter an die Elbe bzw. an einen nahegelegen See zu gelangen, werden wir später durch einen Schönhäuser Bürger erfahren. So berichtet er uns, dass sich die Tangermünder Bürger, die sich am genannten See erholten, im Laufe der Zeit darüber aufregten, dass zunehmend mehr Badegäste über die Elbbrücke bzw. die Treppe an den See kamen. Hierin liegt offensichtlich der Grund für die Errichtung der Barriere.

Tatsächlich hat auch die B188 ein (vorläufiges) Ende und so folgen wir der B107 in Richtung Schönhausen. Enttäuscht darüber, dass wir nicht direkt an der Elbe radeln, erreichen wir auf dem laut Hinweisschild alternativen Elberadweg die Geburtsstadt Otto von Bismarcks. Für den Besuch des Schlosses bleibt leider keine Zeit, denn aufgrund des offensichtlichen Umweges benötigen wir bestimmt mehr Zeit bis nach Seehausen als ursprünglich geplant. Dem Rat eines Anwohners folgend, fahren wir nun auf einem asphaltierten Weg direkt auf die Elbe zu, stoßen jedoch auf eine Weggabelung, an der wir erst einmal rasten. Zu unserem Glück kommt ein Mopedfahrer mit einem mit Gras beladenen Anhänger vorbei und hilft uns bei der Orientierung. Freundlich erzählt er uns, dass sich der Abschnitt des Radweges zwischen Elbbrücke und Schönhausen aktuell noch im Bau befindet und daher nicht befahrbar ist. Der gute Mann scheint Gefallen daran zu finden, uns von den Geschehnissen in der Region zu erzählen. So berichtet er von den hiesigen Überflutungen während des Hochwassers 2013 und der damit verbundenen großen Präsenz der Bundeswehr. Thematisiert wird auch die in Sichtweite liegende ICE-Strecke, die schon mehrfach als Mittel für ein sekundenschnelles Ableben genutzt wurde. Unser neuer mitteilungsfreudiger Bekannter könnte uns wahrscheinlich noch stundenlang unterhalten, doch ziehen wir es vor, unsere Radtour fortzusetzen. Auf Empfehlung überqueren wir den kleinen Graben, durchfahren den Eisenbahntunnel und halten uns links, bis wir auf die über die Elbe führende Eisenbahnbrücke treffen.

Endlich sind wir wieder an der Elbe. Den Elberadweg haben wir uns allerdings anders vorgestellt. Statt auf einem asphaltierten Weg radeln wir mehrere Kilometer auf einer geschlossenen Vegetationsdecke mit teilweise hohem Graswuchs. Froh sind wir, als wir später einen befestigten Boden unter unseren Reifen haben. Durch Fahrten auf den Abschnitten zwischen Neukirchen und Seehausen sowie Beuster und Wittenberge bzw. Lütkenwisch/Schnackenburg sind wir diesen Luxus schließlich gewohnt. Auf der anderen Elbseite entdecken wir die nahe der Ortschaften Billberge, Storkau und Wischer gelegene Windkraftanlage. Ein Weidezaun zwingt uns zum Anhalten. Wir schieben unsere Fahrräder den Deich hinunter und umfahren die grasende Schafherde auf dem unteren Weg. Mit der Bestätigung, dass es meistens anders kommt, als man denkt, erreichen wir die Fähre bei Arneburg. Wie auch im vergangenen Jahr in Lütkenwisch haben wir insofern Glück, als dass die Fähre gerade an unserer Seite anliegt und mit uns sofort ablegt. Nachdem wir durch die Zahlung der 1,50 EUR unser Gepäck erleichtern und an linkselbischer Seite anlegen, erblicken wir die im Frühjahr 2015 eingeweihte Aussichtsplattform und fahren den 35 Meter über der Elbe liegenden Burgberg hinauf. Wir kehren in die Burggaststätte ein, erhalten hier laut der freundlichen Bedienung mit der Raucherstimme allerdings keinen Mittagstisch mehr, sodass wir mit Kürbiscremesuppe und Eisbecher Vorlieb nehmen. Auf der offenen Terrasse sitzend, warten wir die heftige Regenhusche ab und begeben uns dann auf die Aussichtsplattform, um die weite Sicht über die Elbtalaue zu genießen.

Zurück in der Stadtmitte fragen wir nach dem Weg, denn die Ausschilderung lässt echt zu wünschen übrig. Genauer gesagt, suchen wir vergeblich nach einer Elberadweg-Markierung und fahren schließlich auf der Dorfstraße nach Dalchau, die Elbe zu unserer Rechten im Blick. Nachdem wir den kleinen Ort hinter uns lassen, durchfahren wir ein großes Industriegebiet und passieren das Zellstoff-Werk. Auf der Dalchauer Straße an einer Kreuzung stehend, entscheiden wir uns bei einsetzendem Regen und starkem Wind gegen eine Weiterfahrt auf der Straße und biegen rechts in Richtung Fluss ein – ein Irrtum, wie sich später herausstellen wird. Während der Weg anfangs noch nach einem – zugegebenermaßen wenig befahrenen – Weg aussieht, kommen wir später fahrend nicht mehr weiter und schieben unsere Räder entlang der erkennbaren Fahrzeugspuren, die vermutlich von Anglern stammen. Dass wir uns in direkter Nähe zur Elbe befinden, ist angesichts des schleichenden Tempos nur ein geringer Trost.

Nach mehr als einem Kilometer stoßen wir endlich wieder auf einen offensichtlich häufiger genutzten Weg. Da er unbefestigt und damit vom Regen vollkommen aufgeweicht ist, versuchen wir den großen Pfützen bestmöglich auszuweichen. Wir erreichen nun eine Ansammlung von Häusern und machen an einer Sitzgruppe Rast. Der Name dieses Ortes ist Osterholz, wie ich bei der Nachbereitung der Tour erfahren werde. Nach wie vor etwas orientierungslos folgen wir schließlich dem Plattenweg und stoßen nach einem halben Kilometer auf eine Kreuzung. Nur durch Zufall entdecke ich am Wegesrand einen kaum sichtbaren Wegweiser, der uns durch den Vermerk 'Rosenhof' endlich wissen lässt, wo wir uns genau befinden. Ich weiß, dass der Elberadweg durch den Ort Rosenhof führt und so machen wir uns dorthin auf. Bevor wir die L9 erreichen, passieren wir die isoliert in einem kleinen Hain stehende Kirchenruine Käcklitz, schenken ihr aber aus Zeitgründen keine weitere Beachtung. Wir lassen Sandauerholz und Büttnershof rechts sowie Germerslage links liegen und biegen rechts nach Kannenberg ein. Als wir auf den kleinen Hügel hinauffahren, erinnere ich mich, dass ich hier schon einmal war und kann meinen Begleitern mitteilen, wie weit es noch bis Werben ist. Der von Kastanien gesäumte Radweg führt hier nicht direkt an der Elbe, sondern an einem Altarm entlang, der nicht mit der Elbe verbunden ist. Wir stimmen darin überein, dass dieser Abschnitt zu den landschaftlich reizvollsten zählt, die wir heute zu Gesicht bekamen. Am Ende des Ortes Berge endet auch die Allee und wir folgen nun dem fast schnurgerade in nördliche Richtung verlaufenden Weg, vorbei an Ackerflächen und einzelnen, den Weg begleitenden Bäumen. Zu unserer Linken schauen wir auf die untergehende Sonne, als wir schließlich auf die Räbelsche Straße treffen. Da einigen von uns der Hintern brennt und die Sonne gleich untergeht, entscheiden wir uns gegen eine Weiterfahrt auf dem Zweirad und legen die letzten Kilometer in einem mit bequemen Sitzen ausgestatteten Vierrad zurück. Gemeinsam kommen wir zu dem Schluss, dass uns die heutige Radtour ganz schön was abverlangt hat. Verwöhnt durch die Tour im Vorjahr, können wir die heute befahrene Strecke mit den fehlenden Markierungen und den wenigen elbnahen Bereichen nicht weiterempfehlen. Wir sind um eine interessante Erfahrung reicher und werden uns vor der nächsten Radtour gründlicher über die entsprechende Strecke informieren, denn die Lust am Radwandern haben wir trotz der a-n-s-t-r-e-n-g-e-n-d-e-n Fahrt nicht verloren.

> 2./3. Oktober <

Wanderbares Thüringen

Großen Schrittes eile ich am Freitag zum Seehäuser Bahnhof, um um 6:46 Uhr die S-Bahn Richtung Magdeburg zu erwischen. Das Online-Ticket hatte ich noch schnell ausgedruckt, doch für den Ausdruck der Route von Sömmerda bis in die Schwedter Straße 5 in Erfurt blieb keine Zeit mehr. Die Strecke habe ich mir im Detail zwar angesehen, doch ob ich mich später an sie erinnern kann, wird sich zeigen. In der Bahn sitzend, mache ich mir ein wenig Sorgen um meine Tomaten- und Paprikapflänzchen, die ich zum Schutz vor dem Vertrocknen zwar von den Fensterbänken genommen und nach drinnen gestellt, aber am Morgen noch einmal zu gießen versäumt habe. Dass sie eine dreieinhalbtägige Durststrecke problemlos überstehen, werde ich am folgenden Montag erfreut feststellen. Nach einem Halt der Bahn nimmt schräg hinter mir ein Jugendlicher Platz, der im regelmäßigen Abstand von etwa einer halben Minute 'Hallo' flüstert, während er auf sein Smartphone starrt. Im Laufe der Zeit empfinde ich das regelmäßige Genuschel als sehr störend, spreche ihn aber nicht an, da er offensichtlich nicht absichtlich mit sich selbst spricht. Statt mich auf mein Buch zu konzentrieren, zähle ich in Gedanken die Sekunden bis zum nächsten 'Hallo'. Grundsätzlich bin ich bei Geräuschen nicht so empfindlich, doch diese Lautäußerungen neben mir sind so furchtbar monoton. Ich bin erstaunt, wie reizbar ich doch bin und wechsele in Gedanken schon das Abteil, als der flüsternde Mitreisende seinen Rucksack nimmt und mir durch das Verlassen des Zuges wieder Ruhe schenkt.

In Magdeburg umgestiegen, lausche ich interessiert den Gesprächen dreier Briten im Rentenalter und stelle fest, dass der britische Akzent gar nicht so mies klingt, wie ich ihn bisher immer wahrgenommen habe. Ein wenig schade finde ich es daher, dass sie schon in Klostermansfeld aussteigen. Langweilig wird es jedoch nicht, denn die Frau mittleren Alters, die ich wenig später einlade, sich zu mir zu setzen, ist sehr gesprächig. Kaum hat sie Platz genommen, informiert mich die etwa 1,60 kleine Thüringerin sogleich über den Grund ihrer Zugfahrt. Ich lasse mich auf ein Gespräch ein und berichte ihr vom Wochenende in Erfurt und unserem Plan zu wandern, woraufhin sie beginnt, für eine reizvolle Wanderstrecke unweit ihres Wohnortes zu werben. Viel Zeit bleibt ihr allerdings nicht, denn der Zug befindet sich bereits unweit ihrer Heimatstadt, sodass wir uns freundlich verabschieden. Laut wird es wenig später, als eine Gruppe Schulkinder den Zug betritt und sich drei kleine Jungs im Alter von höchstens sieben Jahren zu mir setzen. Fasziniert lausche ich ihrer meines Erachtens nach fehlerfreien Unterhaltung auf Englisch und vermute, dass sie Schüler einer bilingualen Schule sind.

Um halb 11 steige ich in Sömmerda aus, um von hier aus in die thüringische Hauptstadt zu wandern, die sich laut Google-Maps etwa 22 km südlich befindet. Ich rechne mit 4 km in der Stunde und eine größere Rast ist am Alperstedter See geplant. Bis 17 Uhr werde ich bestimmt bei Familie Stransky eintreffen, denke ich, und freue mich auf meine bevorstehende Wanderung. Vom etwas abgelegenen Bahnhof begebe ich mich ins städtische Zentrum, welches aufgrund des heutigen Markttages sehr belebt ist. Auf der Suche nach der Touristeninformation bleibe ich kurz vor der St. Bonifatiuskirche, einem einschiffigen Bau aus der Spätgotik, stehen. Einen auf einer Parkbank sitzenden Rentner frage ich nach der Touristeninformation. Als ich mich für die Antwort bedanke, fordert er fünf Euro, woraufhin mir zunächst die Worte fehlen. Ich halte das für einen Scherz, doch mein Gegenüber schaut mich ernst an, ohne mit der Wimper zu zucken. Verwirrt kehre ich ihm den Rücken zu und wundere mich über den hiesigen Humor. In der Touristeninformation erkundige ich mich nach dem Weg und frage, ob dieses Jahr – das Lutherjahr – schon mehr Wandertouristen zu verzeichnen sind, was die freundliche Frau auf der anderen Seite des Tresens bejaht. Allerdings seien es eher Radtouristen, die die Region um Sömmerda entdecken, fährt die Frau fort.

Die Route noch einmal ins Gedächtnis gerufen, verlasse ich nun das Zentrum und spaziere an der Stadtmauer entlang, bevor ich auf die schlichte St. Petri und Paulikirche treffe und schließlich den Ortsausgang erreiche. Ich überquere die Unstrut als wasserreichstem Saale-Zufluss und folge dem asphaltierten Unstrut-Radweg. Rechts und links liegen Wiesen und Felder soweit das Auge reicht. Bei Schallenburg überquere ich die Unstrut erneut und nun wird es etwas hügeliger. Zwar bin ich grundsätzlich froh, dass es die Sonne gut mit mir meint, doch bin ich dankbar, wenn ich in dieser offenen Landschaft zu meiner Linken eine Gehölzreihe erreiche, die mir angenehmen Schatten spendet. Hin und wieder kommen mir Radfahrer entgegen. Einer von ihnen erheitert mich mit seinem am Lenker angebrachten Radio, welches ihn während der Fahrt mit volkstümlicher Musik unterhält.

Am Alperstedter Ried lege ich eine Rast ein. Mehrere Informationstafeln geben über die geplante Entwicklung des Feuchtgebietes Auskunft. Nachdem ich die Ortschaft Alperstedt passiert habe, kann ich es kaum erwarten, den Alperstedter See zu sehen, freue ich mich doch auf einen Sprung ins kühle Nass. Daheim hatte ich in einem Blog gelesen, dass der 'Lago die Alpi' zu den schönsten Gewässern der Region zählen soll. Als ich den See schließlich in Sichtweite habe, entdecke ich unweit des Radweges drei Personen, die ihr Auto verlassen und sich offensichtlich auf den Weg zu einer Badestelle begeben. Da diese ziemlich weit entfernt scheint, gehe ich weiter, denn der sich in Nord-Süd-Richtung ausdehnende See ist groß und soweit ich mich erinnere, gibt es am südlichen Ende eine Badestelle. Ich behalte recht und stürze mich in die glasklaren Fluten der ehemaligen Kiesgrube. Eine gute Stunde döse ich auf dem grünen Hügel so vor mich hin, bevor ich wieder in meine Wanderschuhe schlüpfe. Ich erreiche den Erfurter Ortsteil Stotternheim und frage mich nach einem Getränkemarkt durch, da die Sonne gnadenlos brennt und mein Wasservorrat bereits aufgebraucht ist.

Die schnurgerade Erfurter Landstraße, der ich nun folge, will kein Ende nehmen. Kein Baum weit und breit in Sicht. Wanderfreude sieht anders aus, denke ich mir. Dass ich hier falsch bin und einen gewaltigen Umweg gehe, werde ich später erfahren. Statt nämlich am Ortsausgang von Stotternheim Richtung Südwesten abzubiegen, begebe ich mich auf direktem Wege Richtung Erfurter Innenstadt. An allen Bus- und S-Bahn-Haltestellen fehlen Stadtpläne, sodass ich mich schließlich bei einem Passanten nach dem Weg erkundige. Dieser klärt mich über meinen Irrweg auf und empfiehlt mir die S-Bahn Richtung Erfurt Gispersleben. Ich überlege, zu Fuß zu gehen, entscheide mich dann doch dagegen, da es schon 17 Uhr ist und ich mich nicht um Stunden verspäten möchte. Am Europaplatz steige ich aus der S-Bahn und frage eine freundliche Blumenverkäuferin sowie mehrere Anwohner nach der Schwedter Straße, von der offensichtlich noch niemand etwas gehört hat. Nachdem ich den Fluss Gera überquert habe und ein etwas marode wirkendes Schulgebäude passiere, sehe ich zwei junge Leute an einem Gartenhaus werkeln und rufe ihnen lautstark zu, dass ich sie ja nun endlich gefunden habe. Sahen sie Daniel und Christin aus der Distanz verblüffend ähnlich, verdeutlicht mir ihre verwirrte Reaktion, dass ich hier doch nicht richtig bin. Auch ihnen ist die Schwedter Straße nicht bekannt und so fragen sie ihren Nachbarn, der zwar auch nicht zu 100 Prozent sicher ist, mir dennoch den Weg weist, welcher sich schließlich als richtig erweist.

Erschöpft erreiche ich das Reihenhaus der Familie Stransky und werde von den Gastgebern sowie ihrer dreiköpfigen Kinderschar begrüßt, die gerade auf dem Trampolin herumtobt. Während Daniel im Innenhof ein Auge auf die Kinder wirft, zeigt mir Christin die geräumige und gemütlich eingerichtete Wohnung. Nach einer kurzen Dusche begebe ich mich in den Innenhof und es dauert nicht lang, bis Henning in der Schwedter Straße 5 eintrifft. Nachdem wir auch René und Tobias begrüßen, schmeißt Daniel den Grill an und wir freuen uns auf ein gemeinsames Wochenende in und um Erfurt. Mit vollen Mägen begleiten wir Gastgeber Daniel zum nahegelegenen Garten, um die Hühner und Enten in den Stall zu treiben. Dass das Federvieh erneut vom Fuchs geholt wird, soll sich nämlich nicht wiederholen. Nach einem Sprung in den Pool gehen wir wieder zurück zum Haus und machen es uns im Garten und später auf dem mit zahlreichen Spiel- und Sportutensilien ausgestatteten Dachboden gemütlich.

Mit einem farbenfrohen Wildblumenstrauß ist der Küchentisch gedeckt, an welchem wir am Samstagmorgen Platz nehmen. Wir entschließen uns zur Fahrt nach Eisenach, um in der südlich der Stadt gelegenen Drachenschlucht zu wandern, und schmeißen uns in Daniels Kleinbus. Nachdem wir Letzteren auf dem etwa 70 km entfernten Parkplatz am nördlichen Ende der Drachenschlucht zum Stehen bringen, begeben wir uns ins 1961 als Naturschutzgebiet 'Wartburg – Hohe Sonne' ausgewiesene Waldareal, das von Eichen und Buchen dominiert wird. Nach wenigen hundert Metern ist das ins Festgestein eingeschnittene und etwa 3 km lange Tal, dessen engste Stelle 68 cm misst, erreicht. Waren es anfangs Holzbohlen, welche eine Durchquerung der Schlucht möglich machten, befinden sich heute zu unseren Füßen Kunststoffgitter. Sie sind widerstandsfähiger gegen die Wassermassen, die insbesondere im Spätwinter durch die Klamm fließen. Jetzt, im Frühsommer, plätschert der sich durch die Schlucht ziehende Bach allerdings gemächlich vor sich hin. Die Felswände sind von Moosen und Farnen überzogen, die im feuchtkühlen Schlucht-Klima ideale Lebensbedingungen vorfinden. Ihren Namen verdankt die Drachenschlucht einem riesigen Lindwurm, welcher einer Sage nach hier einst beheimatet war.

"Schaut, da ist der Drache!"

 

An einer kleinen Waldschenke gönnen wir uns eine kurze Rast und stärken uns mit Bratwürsten, bevor wir den Weg zur Wartburg einschlagen. Zwar haben alle außer mir die zum UNESCO-Welterbe zählende Burg bereits erobert – einige sogar mehrmals –, doch hindert es sie nicht daran, das mehr als 400 m. ü. NN. liegende Bauwerk erneut zu erwandern. An unserem Ziel angelangt, begnügen wir uns nicht mit der Besichtigung der Wehranlage aus Sicht einer Ameise. Wir wollen uns die Burg aus Adler-Sicht anschauen und mogeln uns am Drehkreuz vorbei. Der Aufstieg beschenkt uns mit einem herrlichen Ausblick über den Thüringer Wald. Während wir uns orientieren, fällt mir ein auf einem Felsvorsprung stehendes riesiges goldenes 'M' auf. Dass es sich um das Kürzel eines bekannten us-amerikanischen Fastfood-Riesen handelt, wagen wir zu bezweifeln, finden aber keine Erklärung, wofür dieses ominöse 'M' stehen könnte. Später werden wir erfahren, dass der fast sieben Meter hohe Buchstabe an die Zarentochter Maria Pawlowna erinnert, nach welcher das südlich von Eisenach gelegene Tal – Mariental – benannt wurde.


Erdbeerkuchen-Stärkung

Wir zählen nicht zu den Besuchern, die auch das Innere der Wartburg wie beispielsweise das Lutherzimmer besichtigen wollen und begnügen uns mit der Miniatur-Ausgabe der Burg, welche blinden Personen durch Ertasten ein besseres Kennenlernen der Burg ermöglicht. Als ich außerhalb der Burg auf einer Mauer sitze, beginnt mein linker, vorderer Oberschenkel plötzlich heftig zu schmerzen, sodass ich laut aufschreie. Eine Wespe hatte sich in mein Hosenbein verirrt, eine sehr unangenehme Begegnung, die mich in Form einer Schwellung sowie einem lästigen Juckreiz noch mehrere Tage beschäftigen wird. Wenige hundert Meter vor dem Parkplatz werden wir von heftigem Regen überrascht, der uns zum Stehenbleiben am Straßenrand zwingt. Zu Fünft harren wir unter dem Schutz der Bäume für ein paar Minuten aus, als Tobi plötzlich ohne Worte davoneilt – die Situation erinnert mich an Hennings Flucht beim gewaltigen Gewitter im Kulturpark Neubrandenburg – und sich unter eine Infotafel stellt. Zurück am Parkplatz angekommen, werfen wir unsere durchnässten Körper in den Kleinbus und düsen ost- und heimwärts. Im Garten machen wir es uns wieder gemütlich und da wir zuvor in einem Großmarkt schmackhafte Bratwürste gekauft haben, lassen wir Lorenz' im Glas gefangene Schnecken, deren wellenförmige Bewegungen wir mit Staunen beobachten, leben. Wir entscheiden, morgen ebenfalls eine Wanderung zu unternehmen und wählen die Burgenroute rund um die 'Drei Gleichen'.


Nach einem ausgiebigen Sonntags-Frühstück mit Rührei setzen wir uns wieder in das stranskyische Familien-Gefährt und fahren – weil's so schön ist – wieder auf der A4 in Richtung Westen. Auf dem Programm steht eine Wanderung auf dem Rundwanderweg 'Drei Gleichen'. Um unser erstes Ziel, die Burg Gleichen zu erreichen, lassen wir den Kleinbus auf einem Feldweg stehen. Nachdem wir kurz über den Wegverlauf grübeln, welcher hier nicht wirklich eindeutig ist, folgen wir dem Pfad durch den Wald. Dass ich statt meiner Wanderstiefel meine Trekkingsandalen trage, ärgert mich ein wenig, denn der Boden ist teilweise ziemlich rutschig. Ich wandere aber auch zu gerne mit den Sandalen, vor allem wenn ich ohne Gepäck unterwegs bin und es den Tag über trocken bleiben soll, wie es auch heute voraussichtlich der Fall sein wird. Der Aufstieg zur Burg ist offensichtlich nicht ohne, denn er bringt Tobi und Henne dermaßen ins Schwitzen, dass sie sich ihrer Oberbekleidung entledigen. Da wir in der Vergangenheit gemeinsam wasserwanderten, radwanderten und klassisch wanderten, entscheiden wir, dass nächstes Jahr nacktwandern auf dem Programm stehen könnte. Auf etwa 370 m. ü. NN. angekommen, stehen wir vor einer mittelalterlichen Höhenburg, die schon seit mehreren Jahrhunderten ungenutzt ist. Auf eine nähere Besichtigung der Ruine verzichten wir, obwohl uns der Burgwart einen Rabatt anbietet, und so begeben wir uns auf den Rückweg, schließlich umfasst der Rundweg eine Strecke von circa 15 km. Mit seinen Auf- und Abstiegen dürften bei ruhigem Tempo etwa vier Stunden Wanderung vor uns liegen.

Den bewaldeten Burgberg hinter uns lassend, führt uns der Weg durch Wiesen und Felder. Durch steiniges Gelände erwandern wir die Mühlburg, bei der es sich um die kleinste Burg des Burgentrios und ebenfalls eine Ruine handelt. Auf dem Weg entlang der Außenmauer werden wir von einem Burgverteidiger in Gestalt eines kleinen Jungen überrascht, der mit einer fiktiven Armbrust auf mich zielt, sodass ich symbolisch in die Knie gehe. Dem Gustav-Freytag-Weg folgen wir zur Wachsenburg. Mit 420 m. ü. NN. ist sie die höchst gelegene der drei Burganlagen und beherbergt neben einem Museum auch ein Hotel sowie eine Gaststätte. Unser in einem kleinen Ort geparktes Fahrzeug erreichen wir schließlich in guter Verfassung.



Zurück in Erfurt grillen wir ein weiteres Mal und ziehen uns anschließend auf den Dachboden zurück, wo uns – wie zu gemeinsamen Studienzeiten – die Spielfreude packt. Schnell sind die Teams gebildet, sodass wir mit 'Activity' beginnen können. Neugierig und gewinnorientiert überlegen wir, welchen Begriff uns unsere Teammitglieder mit ihren verbalen Beschreibungen, pantomimischen Darstellungen und Malereien zu vermitteln versuchen. Besonders interessant wird es, als Tobi sein Kunstwerk auf Papier kritzelt, bei dem es sich angeblich um Pferdefuhrwerk handelt. Zugegeben, diesen Begriff zu malen, ist sehr anspruchsvoll, und da auch Renés sowie meine Phantasie beschränkt ist, gehen wir bei dieser Runde leer aus. Unterhaltsam war es allemal. Als ob Daniels Sohn Lorenz beim Malen des pferdeähnlichen Wesens anwesend gewesen wäre und seinem Erschaffer zeigen möchte, wie ein richtiges Pferd aussieht, kommt er am nächsten Morgen auf seinem Steckenpferd in die Küche geritten.




Am Montag fahren wir zur unweit der Klassikerstadt Weimar liegenden Nationalen Mahn- und Gedenkstätte Buchenwald. Noch ist uns das Wetter hold und so starten wir unseren Rundgang durch das ehemalige KZ-Gelände. Am Südhang des Ettersberges schreiten wir die als Stelenweg bezeichnete Treppe hinab, die von sieben Steinsäulen flankiert wird, auf welchen das Leben und Leiden der Häftlinge während der siebenjährigen KZ-Existenz dargestellt wird. Bevor wir links in die 'Straße der Nationen' abbiegen, werfen wir einen Blick in ein Ringgrab, an deren Stelle seitens der SS kurz vor der Befreiung des Lagers etwa 3000 Tote verscharrt wurden. Entlang der 'Straße der Nationen' erinnern 18 gemauerte Pylone an die Länder, aus denen die im KZ inhaftierten Menschen stammten. Am Ende der genannten 'Straße' stehen wir inmitten eines Ringgrabes und folgen einer breiten Treppe hinauf zum gewaltigen Glockenturm, der gemeinsam mit der davorstehenden Figurengruppe Freiheit symbolisiert und mit den römischen Ziffern M C M X L V an 1945 als Jahr der Befreiung erinnert. Nachdem wir nun einer asphaltierten Straße folgen, biegen wir links in den von Buchen- und Eichenforst ab. Auf rutschigem Untergrund gelangen wir an eine Lichtung und folgen einem der Wege, die sich sternförmig in die umgebende bewaldete Landschaft erstrecken. Als wir den Lagerzaun erreichen, beginnt es zu nieseln, aber bis zum Lager-Eingang ist es nicht mehr weit, sodass wir dort kurz Schutz vor dem Regen finden. Passend zu diesem traurigen Ort deutscher Geschichte sowie dem Ende unseres wanderreichen Wochenendes weint der Himmel, als wir auf dem Parkplatz die vergangenen Tage Revue passieren und mit Freude auf das nächste Jahr die Heimfahrt antreten.

> 2./5. Juni <